Konzertkritik : Nouvelle Vague: Karaoke mit den Kulturblutsaugern

Im ausverkauften Astra gelingen den französischen Punk-Grabräubern Nouvelle Vague neben etlichen allzu geschmäcklerischen auch ein paar faszinierend verfremdete Coverversionen

Jörg W,er

Für Puristen sind Nouvelle Vague natürlich eine Zumutung: Ausgerechnet ein paar mit dreitagebärtigem Bistro-Charme ausgestattete Franzosen, die ja bekanntlich noch nicht allzuviel originelle Beiträge zur Popgeschichte geleistet haben, vergreifen sich an sakrosankten Punk- und New-Wave-Evergreens und bügeln deren anarchistisches Potenzial durch windelweiche Wellness-Lounge-Bossa-Nova-trifft-Cirque-de-Soleil-Arrangements glatt.

Und es tut wirklich weh, wenn die blasse Sängerin Melanie Pain den legendären „No Future“-Refrain aus „God save the Queen“ säuselt und, oh Graus, das Publikum im ausverkauften Astra auch noch zum Mitsingen auffordert. Die Sex Pistols auf dem katholischen Kirchentag, schauderhaft! Oder wenn ihre extrovertierte Kollegin Nadeah Miranda die kristalline Sozialkritik von „Guns of Brixton“ in eine burleske Varieté-Punk-Lachnummer runterbricht und sich selbst dabei als Revolvermieze im Brigitte-Bardot-Look inszeniert. Besonders schlimm auch die Transkription des Violent-Femmes-Krachers „Blister in the Sun“, den The BossHoss nicht klischeemäßiger hätten verhunzen können.

Doch die sechsköpfige, gut 100 Minuten lang diszipliniert folkrockende und von den Nouvelle-Vague-Chefdenkern Marc Collin und Olivier Libaux sanft dirigierte Formation überrascht auch mit einigen spannenden Wiederentdeckungen. Während etwa die Aneignungen zweier Depeche-Mode-Songs ebenso vorhersehbar wie beifallsheischend bleiben, erscheint die Interpretation der Vampirdarsteller-Hommage „Bela Lugosi‘s dead“ von Bauhaus als bizarres Blutsauger-Dramolett mit der hemmunglos chargierenden Nadeah Miranda gar nicht mal so abwegig.

Vor allem bei weniger bekannten Songs wie dem auf Drums und Gesang reduzierten „Sex Beat“ von Gun Club oder dem hinreißenden „Not knowing“ der israelischen Postpunk-Band Minimal Compact funktioniert die Nouvelle-Vague-Masche nebenbei als kulturelle Transferleistung, die großartige Musik dem Vergessen entreißt. Und spätestens wenn man mit Bestürzung hört, wie sich ein paar Mädchen neben einem fragen, ob der größte Talking-Heads-Hit „Road to Nowhere“ womöglich ein Stück aus dem Film „Bandits“ sei, mag man den generationsübergreifenden Nachhilfeunterricht nicht mehr allzu kritisch beurteilen.

So ertappt man sich schlussendlich doch, bei der kollektiven New-Wave-Karaoke einzustimmen und aus vollem Hals den Refrain des U2-artig mutierten Joy-Division-Klassikers „Love will tear us apart“ mitzugröhlen. Ian Curtis rotiert im Grab, aber Spaß macht‘s trotzdem.

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