Konzertkritik : Pearl Jam: Grunge ist tot: Egal

Pearl Jam in der Wuhlheide: Für das einzige Deutschland-Konzert waren seit Wochen keine Karten mehr zu bekommen. Nach zweieinhalb Stunden und 29 Songs endet eine große Sommerparty.

H.P. Daniels
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"Hail, hail." Pearl Jams Sänger Eddie Vedder in der ausverkauften Wuhlheide. -Foto: Davids

Als die Tore der Parkbühne in der Wuhlheide sich endlich öffnen, rennen die eifrigsten Fans, die hier schon Stunden gewartet hatten, wie die Hochleistungssportler der Leichtathletik-WM den Berg hoch zur Arena. Und gleich wieder runter auf der anderen Seite in den Innenraum, um die ersten zu sein, ganz vorne, ganz dicht dran an der Bühne. Ganz dicht dran an Pearl Jam, den Helden des "Grunge" aus Seattle, Helden der 90er Jahre. Langsam füllt sich der Rest des sonnengefluteten Amphietheaters bis es randvoll ist. Für das einzige Deutschland-Konzert waren seit Wochen keine Karten mehr zu bekommen.

Pearl-Jam-Fans sind mindestens so treu wie die der Stones, Bob Dylans oder Springsteens. Auch heute hört man wieder alle deutschen Dialekte, sowie Englisch, Italienisch, Spanisch, Polnisch. Man sieht stolze Fahnenschwenker aus Irland, Portugal und Tschechien. Entspannte Stimmung an einem warmen Sommerabend, gespannte Erwartungen. Man hört die Vorfreude geradezu summen. Bier, Bratwurst und La Ola, flatternde Arme. Und es wird wieder gerannt, diesmal zur rechten Bühnenseite: "Eddie! Da ist Eddie!", hatte jemand gerufen. Unzählige Kameras und Fotohandys recken sich, fokussieren Pearl-Jam-Sänger Eddie Vedder, der neben dem Monitormixer in Tarnjacke, Tarnhose und Sonnenbrille locker vor sich hintänzelt. Offenbar ist er sehr angetan von der Vorgruppe Gomez aus England, die tatsächlich einen schönen tanzbaren Set aus kraftvollen Gitarren und psychedelischen Harmonien anmischen.

Um halb neun steht dann Vedder im Zentrum der Bühne. Mit knielangen kurzen Hosen unterm lässigen Flatterhemd, weißen Socken und Turnschuhen sieht er aus wie ein sommerlicher amerikanischer Backpacker-Tourist. Und schon kracht die Band los: "Why Go" vom herausragenden ersten Album "Ten" aus dem Jahr 1991 klingt heute fast wie Heavy Metal. Heftiges Gitarrengeschmirgel. Und gleich "Hail Hail" von 1996 hinterhergebrettert. Eddie kräht und krächzt, lässt die langen lockigen Haare im Ventilatorwind wehen, macht wilde Luftsprünge und animiert die Fans zu rasendem Flamenco-Klatschen. Klapp-klapp-klapp-klapp. Schlag auf Schlag. Da ist ein neuer Song, der schwer rockt: "The Fixer" vom neunten Studio-Album "Backspacer", das im September erscheint. Später spielen sie davon einen weiteren Appetitanreger: "Got Some" ist ein schöner treibender Rocker.

"Grunge" sei tot, wird immer wieder gesagt. Die musikalische Stilrichtung habe sich erledigt, deren Vorreiter einst Nirvana waren und zu deren erfolgreichsten Vertretern schließlich Pearl Jam wurden mit zig Millionen verkaufter Alben. Aber war nicht "Grunge" immer nur ein Etikett, um einen Stil der 90er als etwas sensationell Neues verkaufen zu können? Dabei war er so neu schon damals nicht. Gitarrenrock, der sich an den großen (Stadion-) Rockbands der 70er Jahre orientierte. Pearl Jam kann es inzwischen egal sein, wie tot "Grunge" angeblich sei, denn im Grunde spielen sie heute wie damals soliden Rock 'n' Roll, und der wird allen Unkenrufen zum Trotz immer überleben. Mit dampfenden Riffs elektrischer Gitarren. Riesige Schränke voll mit Gitarren haben die Gitarristen Stone Gossard und Mike McCready am Bühnenrand stehen. Zu jedem Song werden neue Les Pauls, Stratocasters, Telecasters gereicht.

McCready spielt lange ausufernde Soli mit Wah-Wah-Pedal und anderen Effekten, die gelegentlich an Cream erinnern, dann wieder an Roger Waters von Pink Floyd oder an Jimi Hendrix. Gossard ballert Power-Chords à la Pete Townshend ins zuckend tanzende Auditorium. Pearl Jam waren schon immer große Verehrer von The Who. Eddie liest vom Zettel kleine deutsche Radebrechtereien und fragt besorgt, ob auch wirklich alles in Ordnung sei, ganz vorne im Gemenge. Und dass die Leute doch bitte aufeinander aufpassen sollten. Verständlich, dass er nicht noch einmal so eine traurige Erfahrung machen möchte wie beim Festival-Auftritt in Roskilde im Sommer 2000, wo vor der Bühne neun Menschen zu Tode gequetscht wurden. Heute reichen freundliche Ordner vor der Bühne den ausgedörrten Fans Becher mit Wasser über die Absperrung.

Pearl Jam haben sich immer gekümmert um ihre Anhänger, sich engagiert für eine bessere Welt, und sich sogar gerichtlich angelegt mit dem dubiosen amerikanischen Konzertkarten-Monopolisten "Ticket Master". "You sing it!" sagt Eddie und die Fans singen "Better Man", während er sie auf der Gitarre begleitet, nachdem er selbst eine nicht minder bewegende Version von "Bee Girl" unplugged und sitzend mit Jeff Ament an der Akustikgitarre gekräht hat. Nach endlosen Zugaben, nach "Angie" von den Stones und einer wunderbaren Interpretation von Neil Youngs "Rockin' In A Free World", nach zweieinhalb Stunden und 29 Songs endet eine große Sommerparty mit "Yellow Ledbetter", dessen Intro und Gitarrensound wiederum stark an Jimi Hendrix' "Little Wing" erinnert. Ausgelaugt und beglückt latschen die Fans bedächtig aus der Arena.

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