Konzertkritik : Père Ubu: Besser als Theater

Das Interessante an David Thomas und seiner Band Père Ubu ist die enorme Wandlungsfähigkeit. Das bewies einmal mehr ihr Konzert in der Passionskirche.

H.P. Daniels

Das Interessante an David Thomas und seiner Band Père Ubu sind die enorme Wandlungsfähigkeit, Vielseitigkeit und ständige Erneuerung. Und dass er seit seinen musikalischen Anfängen 1975 in keine stilistische Schublade passt. Rock, Punk, New Wave, Industrielärm? Was ist es eigentlich? Etwas von allem, nichts davon und noch eine ganze Menge mehr. Nie weiß man, was als nächstes kommt, auf Platte oder im Konzert. Gegeben wird laut Videowand in der Passionskirche: "Bring Me The Head Of Ubu Roi", eine Adaption des grotesken Theaterstückes "König Ubu" von Alfred Jarry, das bei seiner Pariser Uraufführung 1896 schweren Aufruhr auslöste, und nach dem der Amerikaner David Thomas vor 34 Jahren seine Band benannte.

Was erwartet uns heute? Theater, Oper, Musical, Singspiel? Erstmal eine Ouvertüre mit finsteren Geräuschen, bösem Brummeln und Grummeln, und ein paar schrägen Gestalten. Im Gänsemarsch, im Gleichschritt, zackig, eckig wie aus der Augsburger Puppenkiste, marschieren sie an die Instrumente: Schlagzeug, Bass, Gitarre, Synthesizer, Theremin.

Wir sind irgendwo zwischen nirgendwo und irgendwo, erklärt die Regie, und da kommt David Thomas im hochgeschlossenen Regenmantel, röhrt ins Mikrofon, spielt mehrere Rollen mit verschiedenen Stimmen gleichzeitig, Père Ubu und Mère Ubu, und rülpst und grummelt wie Captain Beefheart, springt in den Kopf, überdrehtes Fisteln. Nestelt in der Manteltasche, fischt einen Flachmann, nimmt einen Schluck und schwankt und wankt und röchelt in einen Messingtrichter. Gibt den König Ubu, eine fiese Kröte von einem Despoten. Und schreit und kreischt und herrscht und führt Krieg und bringt den polnischen König um. Irgendwie so geht wohl die Handlung, die man nicht versteht, weil es da eigentlich auch nichts zu verstehen gibt. Würde einem die Regievideotafel nicht immer wieder auf die Sprünge helfen.

Dazwischen springen die Musiker herum in unterschiedlichen Rollen. Die kleine Bassistin zuckt wie angestochen zum Veitstanz. Ein Huhn mit Gummimaske spielt Synthesizer. Ein Pferd bricht unter König Ubu zusammen. Der König röhrt und wälzt sich am Boden. Dazwischen ein paar schräge Lieder, irrwitzige Musik. David Thomas gibt Regieanweisungen, lässt die Mitspieler Szenen wiederholen, das Publikum möge sich nicht drum kümmern, man würde halt noch proben. König Ubu besteigt ein Schiff und segelt durch die Ostsee zurück nach Frankreich. Alle ab. "The End?". Zur Zugabe noch reine Musik: Schmutziges Gerocke, Gepunke, New Wave, Industrielärm. Besser als jedes Theater.

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