Konzertkritik : Peter Doherty: Genie im freien Fall

Auch ohne verwechselte Deutschlandlied-Strophen gibt Peter Doherty im ausverkauften Kesselhaus reichlich Anlass zur Sorge.

Jörg W,er
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Peter Doherty im Kesselhaus. -Foto:ddp

Wenn Peter Doherty inkognito durch die U-Bahn ziehen und seine Songs spielen würde, wäre vermutlich eine gewisse Nervosität der Fahrgäste die Folge. Wer weiß, ob der angesoffene, grobmotorische Typ einem nicht die Gitarre an den Kopf rammt oder auf die Füße spuckt. Da wirft man lieber etwas Kleingeld ins Hütchen, damit er rasch in den nächsten Waggon weiterzieht.

Im ausverkauften Kesselhaus sind Kollisionen nicht zu befürchten: Doherty hat die geräumige Bühne für sich alleine, lediglich zwei Gitarrenverstärker dienen als Abstellfläche für Bier- und Weinvorräte, denen er im Laufe des Abends reichlich zuspricht. Die öffentliche Selbstdemontage, grenzüberschreitend und keine Peinlichkeit auslassend, ist zwar seit den Anfangstagen der Libertines das Leitmotiv von Dohertys unsteter Karriere.

Aber so abgewrackt hat man ihn selten erlebt. Die Stimme nur noch ein heiseres Krächzen und Fauchen, fast jede Melodie haarscharf verfehlend, taumelt er buchstäblich durch seine Lieder, die zum besten Pop gehören, der in den letzten zehn Jahren aus England gekommen ist. Doch selbst im Delirium blitzt das unbestreitbare Genie des 30-Jährigen durch, wenn er sich für ein paar komplexe Akkordwechsel konzentriert oder unkaputtbare Hits wie „What a Waster“ und „What Katie did“ mit dieser unnachahmlichen Scheiß-die-Wand-an-Haltung rausrotzt.

Und als er am Ende, begleitet von einem emphatischen Mundharmonikaspieler, das ergreifend schöne „Down in Albion“ fast fehlerfrei intoniert, hat man diesem schlampigen Genie all die müden Scherze und vermasselten Liedanfänge der letzten anderthalb Stunden längst wieder verziehen. Einem wie Peter Doherty würde man in der U-Bahn kein Kleingeld geben: Da leert man gleich die ganze Brieftasche.

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