Konzertkritik : Peter Doherty im Postbahnhof

Kein Hut, kein Anzug, keine Pose. Peter Doherty spart sich beim Konzert im Postbahnhof die großen Gesten. Nach dem gelungenen Auftritt kann man ihm nur wünschen, dass er ihn nicht mit einem erneuten Gelage im Kreuzberger "Trinkteufel" gefeiert hat.

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Aufgeräumt und gut gelaunt präsentiert sich Doherty beim Sologig in Berlin.
Aufgeräumt und gut gelaunt präsentiert sich Doherty beim Sologig in Berlin.Foto: dapd

Erhöht und dekorativ stehen in der Mitte der Bühne zwei Vox-AC-30 Kofferverstärker, ein schwarzer und ein roter. Dazwischen zwei Flaschen Bier, in schöner Symmetrie, die dann aber aus dem Gleichgewicht gerät durch eine weitere Flasche höherprozentiger Spirituosität, die ein Roadie außer der Reihe dazustellt. Ach ja, denkt man, Pete Doherty: seine Drogen, sein Suff, seine Exzesse, die ihn in den letzten Jahren so viel öfter in den Schlagzeilen der Revolverpresse als auf der Bühne stehen ließen.

 Doch dann ist man angenehm überrascht, dass er, der bei anderen Gelegenheiten seine Fans schon stundenlang warten ließ - wenn er denn überhaupt kam - diesmal schon um viertel nach zehn auf die Bühne des ausverkauften Postbahnhofs springt. Frisch und aufgeräumt wirkt er, zieht an keiner Fluppe, zieht auch keine Flappe, zieht sich den Gitarrengurt über die Schulter, winkt freundlich seinen jubelnden überwiegend weiblichen Fans zu, nimmt einen Schluck aus dem Pappbecher, schnäuzt sich die Nase und lacht.

Kein Hut heute, kein Anzug, keine großen Gesten, keine Pose. Doherty, der seinem Pete vor einiger Zeit ein r angehängt hat, wirkt leger in schwarzer Hose und einer schwarzen, dünnen Strickjacke über einem weißen T-Shirt. Fast unauffällig, wäre da nicht dieser auffällige Sound: "The Last Of The English Roses".

Der volle wunderbare Klang einer Gibson-Akustikgitarre J-45, die Doherty sehr lässig und gekonnt spielt, fast beiläufig, aber immer in einem interessant zusammengesetzten Wechsel aus kräftigen Rhythmus- und zarteren Melodiepartikeln. Stimme und Gitarre ergänzen sich trefflich, und es ist wahrlich eine Kunst, mit derart minimalen Mitteln einen Saal, eine große Bühne und einen ganzen Abend zu füllen. Wozu natürlich auch Dohertys Talent als Songschreiber beiträgt, sein Gespür für hymnische Melodien, in die sich immer auch eine gewisse Aggressivität mischt. Dazu bräuchte er dann auch gar nicht die beiden Ballettmädels, die ihn immer wieder mal tänzelnd umwehen.

 "Arcady" ist ein feiner Song von Dohertys letztem Soloalbum "Grace/Wasteland" aus dem Jahr 2009. Ein wenig erinnert dieses Einzelkämpfertum mit Stimme, Gitarre und guten Songs an Billy Bragg, der sich gelegentlich gerne als "One-Man-Clash" sah. Auch Dohertys Musik und Art der Interpretation hat etwas von Joe Strummer und The Clash, sehr britisch, kämpferisch, und immer auch ein bisschen romantisch. Das alte schöne Rock 'n' Roll-Ding, die Träume kleiner wilder Jungs, die nicht erwachsen werden wollen: wir und unsere Musik gegen die ganze Welt.

 Doch viel mehr noch als "One-Man-Clash" ist Peter Doherty sein ganz eigenes Ein-Mann-Unternehmen: als "One-Man-Libertines" und "One-Man-Babyshambles", als kompakte Verdichtungen seiner früheren Bands, deren Songs er im Laufe des Konzerts geschickt zwischen seine Solo-Arbeiten streut. "What A Waster", die Single der Libertines von 2002 rockt dann auch heute in der Ein-Mann-Version ganz formidabel. Wie auch "Don't Look Back Into The Sun", "Tell The King", "Can't Stand Me Now", "Time For Heroes", "Smashing" und die vielen anderen, einst so erfrischenden, kongenialen Kollaborationen von Doherty und seinem alten Freund Carl Barât. Barât allerdings hatte Doherty dann wegen dessen exzessiven Drogenkosums bei den Libertines rausgeworfen, woraufhin der die "Babyshambles" formierte.

Dass auch seine Songs der Babyshambles sich in abgespeckten Solo-Versionen hören lassen können, zeigt er mit "Beg Steal Or Borrow" – wenn er hier auch mittendrin auf der Gitarre durch merkwürdige Tonarten und Akkordwechsel irrt.

 Als krummer Crooner kommt Doherty daher in "Lady Don't Fall Backwards". Und schließlich dreht er noch einmal auf mit dem in seiner Riffigkeit an die Kinks erinnernden "Delivery", dessen "Oh-Oh-Oh"-Chöre die Fans enthusiastisch mitsingen.

Nach anderthalb Stunden und vier rasanten Zugaben ist es zuende. Man kann ihm nur wünschen, dass er seinen Erfolg nicht anschließend wieder mit exzessivem Gelage im Kreuzberger "Trinkteufel" feiert. Oder vor einem Schallplattenladen mit großer Schaufensterscheibe wie neulich erst in Regensburg. Denn man sieht Doherty wirklich lieber als exquisiten Musiker auf der Bühne, denn als Rüpel-Deppen in den Schlagzeilen.

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