Konzertkritik : Peter Green: Auf dem Weg ins Leben

Da wurde einem bange zumute: Peter Greens letzter Berliner Auftritt war traurig. Gestern Abend meldete sich die Blues-Legende im Quasimodo zurück.

H.P. Daniels

Ein Helfer hängt Peter Green eine weiße Telecaster um, etwas umständlich, bevor der sich auf einen Hocker niederlässt und ein bisschen unsicher an der Gitarre rumschraubt. Was wird das werden? Etwas bange ist einem schon zumute. Hat man doch noch Peter Greens traurigen, letzten Berliner Auftritt von 2001 im Gedächtnis, wo er eine bemitleidenswerte Figur abgegeben hatte. Als total geistesabwesende Staffage der "Splinter Group", einer zudem ziemlich mäßigen Blues-Truppe.

Dennoch ist das Quasimodo brechend voll. Hauptsächlich ältere Männer, denn der 62-jährige Peter Green lebt immer noch von seiner Legende vergangener Zeiten. Als er noch einer der besten und gefühlvollsten englischen Blues-Gitarristen war, ein mehr als würdiger Nachfolger Eric Claptons bei John Mayall's Bluesbreakers und schließlich herausragender Gitarrist, Sänger und Songschreiber von Fleetwood Mac. Als die noch "Peter Green's Fleetwood Mac" waren, die famose Blues-Band, nicht die später umbesetzten amerikanischen Mainstream-Pop-Fleetwood-Mac.

Zwischen B.B. King und Syd Barrett

Peter Green war ein herausragender Gitarrist im Geiste der drei Kings - B.B., Freddie, Albert - und anderer großer, schwarzer Blues-Gitarristen. Bis er nach einer Reihe von Hits 1970 alles hinschmiss, Gitarren und Rockstarleben, nichts mehr davon wissen wollte und auf Jahre in der Versenkung verschwand. In einem bizarren religiösen Eifer, geistiger Wirrnis, Nervenkliniken.

Es war ein ähnlich trauriges Schicksal wie das von Syd Barrett, dem 2006 gestorbenen Mitbegründer von Pink Floyd. Exzessiver Genuss von LSD und unglückliche psychische Dispositionen hatten das Leben beider Musiker in eine tragische Schräglage gebracht.

Als Totengräber habe Green gearbeitet, hieß es, in einem Kibbuz habe er eine Zeit verbracht, und in London als Penner gelebt, nachdem er zwischen 1979 und 1983 noch drei mittelmäßige Soloalben veröffentlicht hatte. Dann dreizehn Jahre nichts mehr, und erst ab 1996 wieder Versuche als Gitarrist mit der Splinter Group. Doch das war eigentlich auch nichts.

Was soll man heute erwarten? Immerhin hat Peter Green kürzlich der englischen Musikzeitschrift "Mojo" ein halbwegs zusammenhängendes Interview gegeben. Und er sieht auch wieder besser aus. Nicht mehr ganz so dick und aufgedunsen von den Medikamenten. Vergleichsweise gesund sieht er heute aus, mit seinem roten Kopftuch.

Ein wackeliges Gitarren-Intro, und dann die Band: Kontrabass, Schlagzeug, Orgel und ein zweiter Gitarrist als Koordinator. Green singt den Blues: scheu, brüchig, aber auch sehr schön, ergreifend. Mit verhaltener Kraft, doch mit umso mehr Gefühl. Plötzlich ist da eine Ahnung, ein Hauch der alten Genialität. "I'm a stranger in your town" singt er, sehr vorsichtig, tastend, suchend, schaut immer runter aufs Griffbrett dabei, swingt leise und lässig. Eine ferne Erinnerung an John Lee Hooker und zwischendrin immer wieder berauschende Ideen zu außerordentlichen rhythmischen Gitarrenfiguren mit klarem Ton. Walking Blues mit Harmonica.

Es wird immer besser

Der Helfer hängt ihm eine Stratocaster um, umständlich, langwierig. Der zweite Gitarrist übernimmt das Entertainment, das Reden, die Regie. Singt Dylans "Absolutely Sweet Mary". Netter Bierzelt-Rock. Bis Green dazu ein anrührend bröckeliges Solo spielt. Sowie gefühlvolle Fills, während der Tastenmann Geraint Watkins einen eigenen Song singt: "Soldiers Of Love".

"Key To The Highway" berührt mit Greens verhalten zarter Art mehr als Claptons hundertster Aufguss von Big Bill Broonzys altem Gassenhauer. Und es wird es immer besser: Den Gospel-Blues "Don't Let Nobody Drag Your Spirit Down" beseelt Green mit faszinierendem Phrasing und Ausdruck. Überhaupt, die dunkelblauen Balladen in Moll, ruhig und traurig, offenbaren immer mehr von Greens verwundeter Seele. Sein einst so knalliger Hit "Oh Well" wird verzaubert vom sanft krächzigen Sprechgesang, den Green mit einer versonnenen Freude interpretiert, als würde er gerade etwas lange Verlorenes wiederfinden. Auch im zweiten Teil des Songs, der plötzlich mutiert zu einem anderen großen Hit aus alten Zeiten: "Albatross".

Als Zugabe dann Greens größter Erfolg von einst: "Black Magic Woman", das Lied, das Carlos Santana 1970 um die Welt spielte. Und schließlich der anrührendste Song des Abends: Tony Joe Whites "Rainy Night In Georgia".

Peter Green ist auf dem Weg. Langsam scheint er sich zurückzutasten in seine Musik und ins Leben. Erleichtert und beglückt fragt man sich am Ende allerdings doch, was ein Mensch jetzt wohl denkt, der sich vor fast vierzig Jahren allem Rockstar-Rummel entzogen hat, wenn er heute hier wieder so heftig umjubelt wird von den alten Fans. Peter Green lächelt schüchtern und geht.

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