Konzertkritik : Peter Licht: Zu spät kommen is’ okay

Melancholie auf dem Sonnendeck: Peter Licht gab sein Neujahrskonzert in der Berliner Volksbühne. Dort präsentierte er sich ganz lässig und entspannt.

Gerrit Bartels

Es ist vielleicht der schönste Moment an diesem lauschigen, wahnsinnig milde stimmenden Neujahrsabend in der Volksbühne. Peter Licht singt sein „Lied vom Ende des Kapitalismus“, als ihm plötzlich der Text entfällt und er den Song stoppt. „Ich weiß gerade nicht, wie es weitergeht“, entschuldigt er sich beim Publikum, schaut seine Band fragend an, die ihm ganz offensichtlich nicht weiterhelfen kann. Doch wer will es einem Musiker verdenken, dass er im Angesicht der eigenen, so schlauen und vermutlich sich schon so bald erfüllenden Prophezeiung ins Schleudern gerät und kurz nicht weiß, was kommt: In seinem Lied. Bei ihm. Und im ach so schlimmen Jahr 2009, diesem alten Luder!

Viel ausmachen tut Peter Licht das alles aber nicht – jedenfalls präsentiert er sich in der Volksbühne als entspannter, fast lässiger und sympathischer Musiker, dem auch noch einige Fehler an seiner Gitarre und ein paar weitere Texthänger unterlaufen, ohne dass diese ihn aus dem Konzept bringen noch sie den schönen Gesamteindruck trüben würden.

Das ist insbesondere für den Teil des Publikums überraschend, der Licht bislang nur von anderen öffentlichen Auftritten her kannte, etwa in Klagenfurt beim Bachmann-Wettlesen, bei Harald Schmidt oder bei Martin Lüdkes Literatursendung im SWR. Hier präsentierte sich Licht stets als stacheliger und arg verspannter Künstler, dem es allzu offensichtlich darum ging, Sand ins Mediengetriebe zu streuen, der aber in Profis wie Schmidt oder Lüdke seine Meister fand und eher peinlich und ungeschickt rüberkam. Mehr Subversion als seine Weigerung, sich von den Fernsehkameras aufnehmen zu lassen, war da nicht.

Solche Albernheiten spielen bei Lichts Auftritt an diesem Neujahrsabend zum Glück keine Rolle, wiewohl natürlich keine Konzertfotografen zugelassen sind. Es dauert zwar zwei im Dunkel gespielte Stücke, bis sich Licht und seine dreiköpfige Band an Bass, Schlagzeug und Klavier in ihrer ganzen, zum Teil noch jugendlichen Pracht zeigen. Doch hat das etwas Spielerisches, so als würde Licht hier versuchen, die Würde und das Besondere eines Theatersaals voll auszukosten. Peter Licht spielt sich durch sein Werk, spielt die Songs seiner Alben „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ und „Melancholie und Gesellschaft“. Und er vergisst auch „Sonnendeck“ nicht, den Hit, den er einst unter dem Namen Meinrad Jungblut aufnahm und der ihn schlagartig berühmt machte.

Zuweilen entsteht zwar der Eindruck einer zu großen Gefälligkeit, die fast ins Langweilige rutscht, ist Vieles einfach „nur zu, zu, zu schön“, um es mit Walter Kempowskis Mutter zu sagen. Da hilft dann auch manche komische Textzeile nicht wie „Hallo, hallo, alte Tante Wohlfahrtsstaat!“ oder „Die Arbeitgeberverbände befürworten Benimmunterricht“. Licht aber weiß um diese Gefahren. Souverän umgeht er solche Hänger, indem er Breaks einbaut und entweder nur sprechsingt oder ein bisschen Klamauk mit seiner ansonsten recht unspektakulären Band veranstaltet. Oder er liest gleich Prosa vor: Viele Lacher erzeugt ein Stück, das er im Sommer anlässlich der Olympischen Spiele in Peking geschrieben hat und das Sätze enthält wie „Alles ist irgendwie unpräzise. Die Infrastruktur ist unpräzise, sie tuckert so vor sich hin, die Leute sind unpräzise. (...) Dann die Athleten. Manche kommen zu spät: is’ okay“.

Das hat was, gerade in seiner Schräg- und Hingeschlurftheit, das ist subversiv, hier zeigt sich Licht auf der Höhe seiner Kunst – auch wenn solche Sätze selbst natürlich wieder etwas Unpräzises, irgendwie Egales haben. Egal. Am Ende, als Licht und seine Mannen ein drittes Mal auf die Bühne gekommen sind und sich verbeugen, hört man draußen im Foyer schon die ersten Glücklichen, die lauthals singen: „Ja, ja, der Kapitalismus, der alte Schlawiner, ist uns lange genug auf der Tasche gelegen.“ 

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