Konzertkritik : Primal Scream: Vorwärts in die Vergangenheit

Unser Popkritiker Gerrit Bartels über den Auftritt von Primal Scream im ColumbiaFritz.

Gerrit Bartels
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Now Scream! Die Band rockte gestern die Columbiahalle.Foto: Roland Owsnitzki

Es kann nichts anderes als platteste Ironie sein, wenn jemand wie Bobby Gillespie das jüngste Album seiner Band Primal Scream „Beautiful Future“ nennt. Nach Zukunft klingt dieses nicht, auch wenn viel schöne, bunte, vergleichsweise aufhellende Popmusik drauf ist. Nach Zukunft haben Primal Scream höchstens einen Sommer Anfang der neunziger Jahre mit ihrem Rave-Album „Screamadelica“ geklungen. Ansonsten könnte man sie als die gegenwärtigsten, urigsten Retrorocker Englands bezeichnen, die die Stones, MC 5 oder Clinton genauso auf ihrer ewigen Retroliste stehen haben wie die inzwischen auch sehr old-fashionablen Beats von Underworld oder Chemical Brothers.

Und nach einer schönen Zukunft für Primal Scream in Deutschland sieht das am Montagabend im doch sehr locker gefüllten ColumbiaFritz auch nicht gerade aus. Gekommen sind nur wenige junge Hüpfer, sondern vor allem die Alte-Pop-Säcke-Fraktion. Diese kennt Gillespie noch als torkelnden Drummer von Jesus & The Mary Chain, als verstrahlten C-86-Vorturner („Velocity Girl“, zarteste Sixties!), und diese konnte die späteren Drogenexzesse von Gillesspie nur allzu gut nachvollziehen. Lebende und Überlebende, so wie der jetzt öfter in Berlin weilende Mark Stewart, der in den ersten Reihen herumsteht, oder so wie Alan Vega, dessen „Jukebox Baby“ kurz vor Konzertbeginn läuft. Und so wie Gillespie selbst, dem Zeit und Drogen nicht wirklich schlecht bekommen zu haben scheinen – so ewig gleich alt und gleich blass, wie er aussieht, so frisch und voller ungewohnten Tatendrang, wie er sich mit seinen langen, lückenlosen schwarzen Haaren und seinem echsenhaften, knochigen Nicht-Körper ans Mikro begibt, um mit seiner vierköpfigen Band Songs von „Beautiful Future“ zu spielen.

Es ist ein solider Gig, den Primal Scream abliefern. Auf jeden sehr an die Stones gemahnenden Song folgt ein anderer, weniger an die Stones gemahnender Song mit einem schönen Groove, der die Alte-Pop-Säcke-Fraktion zu ungewohnten Tanzübungen animiert. Primal-Scream-Gassenhauer wie „Rocks“ oder „Accelerator“ gehen an diesem Abend genauso gut wie die neuen, etwas geschmeidigeren Wohlfühl-Songs. Am Ende haben dann alle das schöne Gefühl, nicht bei einem sentimentalen Schön-war-die- Zeit-Konzert gewesen zu sein, sondern mitten in der frischesten Retrosuppe gestanden zu haben. Denn die Zukunft, schön oder nicht, die ist bei Primal Scream natürlich die Vergangenheit, vor allem aber: jetzt.

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