Konzertkritik : Rader im Quasimodo

Voller Kraft, derb, etwas sozialkritisch und ein bisschen selbstironisch. Das ist die Musik von Rader. Das Besondere daran: Rader singen nicht deutsch, sondern bayerisch. Zu erleben am Donnerstagabend im Quasimodo.

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Wo auch immer es ihn hin verschlägt, ein richtiger Bayer wird seinen Dialekt niemals ablegen. Seit über dreißig Jahren lebt der bayerische Musiker Martin Rader in Berlin, doch seine bayerische Muttersprache hat er nie verleugnet. Nachdem er seit den Achtzigern in unzähligen Bands aktiv war, unter anderem auch als Gitarrist von Ulla Meinecke und Maren Kroymann, hat er als Frontmann seiner 1997 gegründeten eigenen Band The Groove Tubes noch Englisch gesungen. Heute geht er einen konsequenten und entscheidenden Schritt weiter. Die Groove Tubes nennen sich jetzt Rader, und Rader singt nicht deutsch, sondern bayerisch. Voller Kraft, derb, etwas sozialkritisch und ein bisschen selbstironisch.

Bayern waren schon immer sture Querköpfe, vielleicht umso mehr, je weiter sie von zu Hause entfernt sind. So ist der bayerische Schriftsteller Oskar Maria Graf während seines Exils immer mit einer Lederhose in New York herumgelaufen. So weit würde Martin Rader nicht gehen, doch seinen bayerischen Dialekt trägt er auch nach über drei Jahrzehnten in Berlin immer noch mit großem Stolz und offen hörbar auf der Zunge.

"Knutsch me" heißt das neue Album mit zehn bayerischen Titeln, zu dessen Veröffentlichung der Exil-Bayer und seine Band im Quasimodo ihr erstes Konzert geben. Martin Rader, mit blankem, rundem Kahlkopf und in knallrotem Anzug mit gleichfarbiger Weste, stöpselt seine rote Fender-Stratocaster-Gitarre ein, deren abgesplitterter Lack von wilden Jahren einer turbulenten Vergangenheit erzählt und spielt ein in Blau swingendes Instrumentalstück. Vollgas mit durchgetretenem Wah-Wah-Pedal. Angenehme Erinnerungen an Cream und Hendrix tauchen auf vor dem inneren Ohr. Aber auch an den 1990 bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommenen, texanischen Gitarristen Stevie Ray Vaughan.

Musikalische Verbindung von Texas und Bayern

"Bayerischen Texas Blues" nennt Rader seine eigene Musik und trifft es ganz gut damit. Hört man doch in seinen Licks und Riffs immer wieder die Einflüsse texanischer Vorbilder: Freddie King, Johnny Winter, ZZ Top. Was Texas mit Bayern verbindet, damit hat sich 2008 so vergnüglich wie informativ in seinem Büchlein "Texas ist nicht Bayern" – über Geschichte, Politik und Musik der beiden "Süd-Staaten" - der Münchner Müller Martin befasst. Auch so ein bayerischer Querkopf, dessen Bücher man nicht kaufen kann. Man kann sie nur vom Autor geschenkt bekommen. Wenn der jemanden für "würdig" hält oder, wenn er jemanden einfach mag. Vielleicht sollte man dem Müller Martin die Adresse vom Rader Martin geben.

Zu seinem texanischen Blues singt Rader bayerische Texte über die Liebe und deren Scheitern, Auto fahren im Suff, damals noch im leichtsinnigen Jugendalter – doch jetzt geht es schon ums Älterwerden. Wobei Raders Gesangsstimme stark an seinen Landsmann Georg Ringsgwandl erinnert. Die feinen Unterschiede in den Dialekten des Oberbayern Ringsgwandl und des Oberpfälzers Rader werden nur Kenner bemerken. Es ist ohnehin anzunehmen, dass Raders Texte im Berliner Publikum kaum jemand versteht.

Doch das ist auch nicht so wichtig, schließlich geht es ums Ganze, und dass der Sound von Sprache und Musik zusammenpassen. Sowie die vielen musikalischen Einflüsse und Zitate. Bluesrock, Boogie, Shuffle, Bo-Diddley-Beat, Funk und rasend schneller Rock 'n' Roll. Dazu ein rhythmisch knurpsender Bass mit feinen melodischen Solo-Einlagen von Mike Parker. Und Anton Nissl, verlässlicher Mann am Schlagzeug, ebenfalls Bayer, der gelegentlich das Tempo einzählt: "Oans, Zwoa, Drrai, Viah!" Und zur Zugabe spielen sie eine umwerfende bajuwarisierte Version von Peter Greens "Oh Well" mit einem neuen rhythmischen Dreh. Große Freude, großer Jubel.

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