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© Davids/Darmer

Konzertkritik: Rammstein: Böse Miene, gutes Spiel

Das Monster aus der Mitte der Gesellschaft: Rammstein - Deutschlands meistgefürchtete Band - spielen vier Tage hintereinander im Berliner Velodrom mit dem Feuer.

Die Vorband hat gespielt, die Menge sich in Stimmung getrunken, die Lichter sind aus. Und was tut sich auf der Bühne? Nichts. Aus dem Innenraum steigen rhythmische Chöre ins Rund des Berliner Velodroms: „Rrramm! Stein! Rrramm! Stein!“ Wie die Kampfschreie eines Urvolks, das vor der schwarzen Grotte des Ungeheuers darauf wartet, dass es sich der finalen Schlacht stellt. Je länger die Bestie warten lässt, desto höher steigt die Spannung. Da unten vor der Bühne – ist das nicht ein Pentagramm aus Kerzen? Ach nein, es sind die Displays der Digitalkameras, die Fackeln unseres Jahrtausends.

Endlich: ein dunkles Heulen wie von fernen Sirenen, gleißendes Licht bricht durch die Bühnenwand wie Flak-Scheinwerfer. Bassist und Gitarrist schlagen sich mit Äxten den Weg frei, und aus der Mitte schreitet wie aus einer großen, brennenden Vagina der Oberschreck der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien höchstselbst: Rammstein-Sänger Till Lindemann. „Manche führen, manche folgen“, singt er in der Intonation alter Moritatensänger. „Böse Miene, gutes Spiel.“

Mit dem „Rammlied“ inszeniert Deutschlands meistgefürchtete Band jeden Konzertbeginn ihrer aktuellen Tour als Geburt, die Geburt eines Monsters, das nach jedem Kampf neu aufersteht. Dieses Monster kennt nur das Geradeaus: „Ich will Eure Blicke spüren / Jeden Herzschlag kontrollieren“. Dieses Monster ist einsam: „Und der Haifisch der hat Tränen“. Seine Reflexionsgabe reicht gerade für die Weiterleitung der Reflexe aus dem vegetativen Nervensystem: „Mir ist kalt“. Und Kontakt zu anderen kennt es nur als Rechtsanspruch („Liebe ist für alle da“) oder als Schmerz, wie im Anfang November indizierten Stück „Ich tu dir weh“.

Es ist das Spiel mit dem Feuer, das die Band und ihre Hörer reizt: Wie weit können wir gehen, bis die Eltern sich sorgen, die Lehrer uns die iPods wegnehmen und das Familienministerium auf den Plan tritt? Wenn Lindemann in der Sextourismus-Persiflage „Pussy“ unzweideutig seinen Unterleib gegen die Schaumkanone stößt, mit der er das Publikum beglückt, erinnert er an Elvis Presley, der wegen seines skandalösen Hüftschwungs im Fernsehen nur ab der Taille aufwärts gezeigt werden durfte.

Es ist auch das Spiel mit dem Feuer, das die Show bestimmt: Da ejakulieren Flammen hinter dem wie zum Ritterschlag niederknieenden Sänger, stürzen Feuer von der Decke, rasen Raketen vom Ende der Halle auf die Bühne, und am Ende brennt die ganze Wand. Industrieventilatoren senken sich herab wie gewaltige Zahnarztspiegel, verwandeln sich in blinkende Leuchtkörper und Wärme spendende Rotlichtlampen. Mit jedem Flammenwurf schießen Hitzewellen ins Publikum.

Vier Tage hintereinander inszenieren Rammstein im Velodrom ihr Weihnachtsoratorium und markieren damit den vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere. Das Phänomen Rammstein ist nur live zu verstehen. Nicht nur weil in diesem wagnerianischen Totaltheater in Leni-Riefenstahl-Ästhetik die wahrlich wenig abwechslungsreiche Musik zu ihrer Bestimmung findet. Auch weil man hier die Menschen trifft, die sie mögen. Die sind erstaunlich durchschnittlich – und das Durchschnittsalter erstaunlich hoch. Überwiegend männliche Bomberjackenträger treffen auf ergraute Lehrerpaare.

Rammstein sind nicht die militante Aufbauhilfe für verunsicherte Jugendliche mit Amokläuferpotenzial. Rammstein sind Cabaret. Wenn Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz tanzt wie Chaplin, wenn er in SM-Spielen von Lindemann in der Badewanne ermordet wird, um wiederaufzuerstehen, den SS-Mantel getauscht gegen einen Paillettenanzug, fügt sich alles zur überwältigenden Nummernrevue, die extreme Gegensätze zum Schock verdichtet. Perfekt im Takt explodieren im Fritzl-Lied „Wiener Blut“ die Puppen, und zur Zugabe „Engel“ fackelt Lindemann die riesigen Flügel auf seinem Rücken ab – Rammsteins Weihnachtsgruß.

Die „Süddeutsche Zeitung“ demonstrierte kürzlich, dass es alte Arbeiterlieder und Moritaten von Brecht und Weill sind, aus denen Rammstein schöpfen. Deren soziales Potenzial geht allerdings unter in einem autistischen Selbstbehauptungszirkel. Das Beunruhigende an Rammstein sind nicht die kalkulierten Tabubrüche. Das Beunruhigende an Rammstein ist, dass sie so schrecklich normal sind. Sie bieten den Soundtrack für Autotuner und Laubenhüter, für Heckenschneider und Zaunhochzieher, für Finstergucker und Häuslebauer. Das Monster – es sitzt in der Mitte der Gesellschaft.

Weitere Konzerte am 20. und 21. Dezember (ausverkauft).

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