Konzertkritik : Raphael Saadiq: Würdiger Verwalter eines großen Erbes

Im Festsaal Kreuzberg braucht Raphael Saadiq mit achtköpfiger Begleitband eine Weile, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Am Ende aber kocht der Laden.

Jörg W,er

So ein fetter Nightliner-Tourbus ist vor dem Festsaal Kreuzberg erst mal ein ungewohnter Anblick. Üblicherweise gastieren hier Indiebands, die mit deutlich bescheideneren Gefährten unterwegs sind. Aber Raphael Saadiq ist in den USA eine große Nummer als R'n'B- und HipHop-Produzent und konnte dort auch als Solokünstler zuletzt beachtliche Erfolge feiern. Hierzulande blieb ihm das bislang verwehrt, weil es seine Plattenfirma nicht für nötig hielt, sein wunderbares Retro-Soul-Album "The Way I see it" vernünftig zu promoten.

Immerhin, der Festsaal ist rappelvoll, als der 42-jährige im scharf geschnittenen, schwarzen Anzug und mit Malcolm-X-Brille die Bühne stürmt und mit dem schmissigen "100 Yard Dash" loslegt. Die äußeren Parameter für einen stimmungsvollen Soul-Gedächtnisabend sind gegeben: Die achtköpfige Band inklusive Bläsersatz und energiegeladenem Background-Gesangsduo rekonstruiert gekonnt federnde Motown-Sixties-Grooves und Chic-Gitarrenlicks der Spätsiebziger, ohne in sklavische Nachahmung zu verfallen. Saadiq überzeugt als agiler Frontmann und inbrünstiger Sänger, dessen HipHop-Sozialisation des öfteren in putzigen "Everybody in the House say yeeeah"-Animationen durchbricht.

Dennoch bleibt zunächst ein Vorbehalt, der nicht allein damit zu erklären ist, dass der Festsaal Kreuzberg nicht das Apollo Theater ist und Raphael Saadiq trotz allen Talents eben nicht James Brown oder Marvin Gaye. Es handelt sich eher um einen Ausdruck verlorener Unschuld: Publikum und Band scheinen sich gleichermaßen der Tatsache bewusst zu sein, dass dies eine historisierende Aufführung ist, die im Grunde keine Chance hat, mit den - vielleicht nur eingebildeten - Exzessen der Vergangenheit mitzuhalten.

Aber man arbeitet dran: "Be here" begeistert mit chilipepperndem Crossover-Gebratze, und als der fiebrige Southern-Soul von "Big Easy" nahtlos in den minutenlang zelebrierten "Let the Sunshine"-Chorus aus dem Hippiemusical "Hair" übergeleitet wird, kocht der Saal. Die zweite Zugabe bricht schließlich alle Dämme: Eine viertelstündige Variation über den schleppenden Funk von "Skyy, can you feel me" mit Saadiq am Slap-Bass, hysterischen Gesangsduellen und einem sich am Boden wälzenden Gitarristen machen noch dem hartnäckigsten Skeptiker klar, dass diese Ekstase völlig echt und gegenwärtig ist. Und Raphael Saadiq darf sich würdiger Erbe der großen Soul-Helden feiern lassen.

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