Konzertkritik : Rausgeholt

Glück der Kapitulation: Beim Tocotronic-Konzert in Berlin vergisst man leicht, dass es diese Band schon seit 1993 gibt.

Gerrit Bartels

Es ist dann auf einmal unwahrscheinlich schön, harmonisch und völlig unstrategisch, als Dirk von Lowtzow in der Columbiahalle jedes Mitglied des Tocotronic-Chors einzeln vorstellt, von Babsi Wagner über Virginia Rösinger bis zu Hansi und Gretchen Müller. Der Chor hatte kurz zuvor die Band zu dem Song „Aus meiner Festung“ zart, aber herzlich begleitet, hatte „Kommt alle mit, kommt alle her, alle zugleich, denn mehr ist mehr“ intoniert. Man weiß in diesem Augenblick, da von Lowtzow seinen Songzeilen Taten folgen lässt, dass dieses Tocotronic-Konzert, der Abschluss ihrer „Kapitulation“-Tour, ein betont gemeinschaftsstiftendes Ereignis ist: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“. Dass hier eine Band von Kapitulation und vom Ruin, von Erschöpfung und von Karriereverweigerung singt, dass das alles aber auch ein riesiges Glücksversprechen sein kann: „Wir sind viele“ halt.

So sind dann zweitausend Menschen ganz unten und eins mit einer Band, die wiederum genauso unten mit ihren Fans wie ganz bei sich ist. Keine Spur von Zerrissenheit, von Unlust, von gelangweilter Professionalität, nur Gemeinschaft, Freude und Spaß. Als sei es das Selbstverständlichste der Welt, beginnen Tocotronic mit dem sechsminütigen, höchst melancholischen Donnerrocker „Mein Ruin“, dem Opener ihres neuen Albums, mit Zeilen wie: „Mein Ruin, das ist zunächst etwas, das gewachsen ist, wie eine Welle, die mich trägt und mich dann unter sich begräbt.“ Und im Anschluss spielen sie ein Rockset, das zünftig-energisch ist, aber auch gekonnt verspielte Momente hat. Dirk von Lowztow, Bassist Jan Möller, Schlagzeuger Arne Zank und der 2004 dazugestoßene zweite Gitarrist Rick McPhail machen dabei noch immer einen ungemein jugendlichen Eindruck – so ungezwungen sie in ihren Jeans und T-Shirts stecken, so nerdig-schlaksig sie sind, bei von Lowtzow manchmal auch ins Verdruckste gehend.

Man vergisst da leicht, dass es diese Band schon seit 1993 gibt, dass sie früher vor allem pubertierend-sloganhaften Schrammelrock für Postpubertierende gemacht hat, frühes Verfallsdatum inklusive. Inzwischen kommen Tocotronic nur zu gut ohne ihre alten Gassenhauer aus und spielen hauptsächlich die Songs ihrer letzten drei Alben, wobei das letzte Konzert-Drittel ausschließlich dem neuen Album „Kapitulation“ gehört, bis zum schwer pathetischen, kunstrockmäßigen Schlussstück „Explosion“.

Das Schöne ist: Niemand vermisst die alten Stücke. Immer wieder entdecken neue Begeisterte die Musik der Band. Und die alten Fans halten ihr aufmerksam die Treue und gehen jede ihrer musikalischen Wendungen mit, zumal, wenn diese so ausgezeichnete Ergebnisse zeitigen wie „Kapitulation“. Sentimentalität hat bei Tocotronic nichts Rückwärtsgewandtes, und wenn sie als letzte Zugabe trotzdem einen ihrer allerersten Songs spielen, „Freiburg“, dann in dem Wissen darum, genau das nie und nimmer tun zu müssen. Ganz groß! Gerrit Bartels

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