Konzertkritik : Rickie Lee Jones im Babylon Kino

Eine der aufregendsten Singer/Songwriterinnen unserer Zeit: Rickie Lee Jones ist auch erschöpft immer noch grandios, lässig, cool.

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Erschöpft, doch grandios. Rickie Lee Jones beim Berliner Konzert. Foto: Davids/HübnerDAVIDS/Huebner

Kalter Wind zieht durch die Seitentür rechts vorne ins Babylon Kino. Kann man die nicht zumachen? Nein, denn von da draußen aus der Eiseskälte kommt jetzt eine kleine Blonde in graugrüner Brokatsamthose und goldenen Slippern: Rickie Lee Jones! Unter tosendem Jubel läuft sie die Treppe zur Bühne hinauf, setzt sich an den Flügel, spielt mit klammen Fingern etwas klirrend Jazzeliges, singt noch mit leichter Frostkruste auf der Stimme, taut langsam auf, erwärmt sich am vollbesetzten Saal, strahlt Wärme zurück: "We Belong Together".

Ein Schlagzeuger wischt und zischt mit sanften Besen über die Becken. Ein weiterer Mitstreiter streicht seine Bassgitarre mit einem Bogen, dass sie klingt wie ein Cello. Rickie Lee wechselt von gesprochener "Beat"-Prosodie zu vertrackten Gesangslinien. "Pirates". Rhythmisch boppende Passagen und ruhige melancholische Jazzharmonien.

Bangt man zunächst noch um Stimme und Kondition - etwas müde und angespannt wirkt die amerikanische Sängerin zu Beginn - so sind spätestens beim vierten Song alle Bedenken verflogen. Mit "On Saturday Afternoons in 1963" vom legendären ersten Album aus dem Jahr 1979 entfaltet sich die ganze Magie herausragender Songschreiberkunst, dieser berauschend ausdrucksstarken Stimme zwischen sonorer Tiefe und kieksender Mädchenhaftigkeit, der Zauber vorzüglicher Arrangements und die reine Freude am Musikmachen.

Ständig stehen die drei Musiker in aufmerksamem Blickkontakt untereinander, fast unmerklich dirigiert Rickie Lee ihre beiden exquisiten Begleiter mit knappen Handbewegungen, kurzem Kopfnicken. Vieles entsteht an diesem Abend erst im unmittelbaren Augenblick auf der Bühne. Rickie Lee lächelt, wenn ihr selber etwas besonders gefällt. Sie spielt jetzt eine große Taylor-Akustikgitarre, schiebt rockige Sexten auf dem Griffbrett herum, klammert perkussiv knallende Akkorde aus den Saiten. Eine kleine Werkschau aus den Songs von über 30 Jahren und natürlich auch einige Stücke vom erstklassigen, jüngsten Album "Balm In Gilead". Folk, Country, Soul.

Eine besondere Freude scheint Rickie Lee Jones inzwischen an der elektrischen Gitarre gefunden zu haben und an den vielen neuen Sounds, die sie aus ihrer Fender Stratocaster zaubert: geschmackelt funkige Wah-Wah-Klänge mit kleinen Hendrix-Reminiszenzen. "Little Mysteries". Das macht Spaß, sagt die Sängerin, aber irgendwie sei das alles noch nicht so ganz ausgereift. Überhaupt sei sie heute "a little down on the ground", denn erst gestern ist sie aus New York gekommen und deswegen schrecklich müde vom Jetlag.

Doch auch eine erschöpfte Rickie Lee Jones ist immer noch grandios, lässig, cool. Und die schläfrig langsame Version ihres größten Hits "Chuck E.'s In Love" entfaltet heute einen ganz besonderen Reiz. Erinnerungen an die wilde Zeit in den 70ern, als sie noch mit ihren Freunden Chuck E. Weiss und Tom Waits in L.A. um die Häuser gezogen ist. Nach zwei berauschenden Stunden schlüpft die "Duchess Of Coolsville", eine der aufregendsten Singer/Songwriterinnen unserer Zeit, wieder durch die Tür in die Kälte nach draußen.

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