Konzertkritik : Rock 'n' Roll mit all seinen Klischees

Durchdringende raue Stimme, eine nicht minder raue Vergangenheit: Beth Hart hat alles, was eine "Rockröhre" braucht. Nun trat sie im Berliner Frannz Club auf.

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Beth Hart.
Beth Hart.Foto: Promo

Eine der abscheulichsten Wortschöpfungen ist die "Rockröhre". Dieses Klischee, das vorwiegend verwendet wird für weibliche Bluesrock-Sängerinnen mit kräftig kratzigem Shouter-Organ. Tina Turner, Janis Joplin, Gianna Nannini und Amy Winehouse gelten als klassische "Rockröhren".

Auch die 39-jährige Beth Hart aus Los Angeles ist eine "Rockröhre". Sie hat alles was man zur echten Röhre braucht: eine durchdringende raue Stimme, eine nicht minder raue Vergangenheit mit Aufstieg und Absturz, Drogen- und Alkoholsucht, prügelnden Liebhabern und Entzug. Dazu das klassische Rockröhren-Aussehen und Auftreten: ein bisschen hübsch, ein bisschen widerborstig und ein bisschen lasziv. Großmäulig und aufgekratzt. Das Publikum liebt den Rock 'n' Roll mit all seinen Klischees, Erscheinungsformen und seinen ständigen Wiederholungen.

Tosender Jubel im Frannz als Beth Hart auf die Bühne springt. Im kecken Bustier, nabel- und schulterfrei mit schwerem Blumendekor in den Arm tätowiert, mit langem schwarz-blondem Zweifärbler-Haar, Bluejeans und Nietengürtel, kreischt sie ins Mikrofon, stellt mit hibbeligem Schreien ihren Gitarristen John Nichols vor, hämmert kräftige Töne ins E-Piano und zerrt an den Stimmbändern: "Hell is on to me / This desert wants a She / Black fire becomes the road / Diving down the dark / Gold inside my hear / Black fire begins to blow". Düstere kryptische Worte.

Lustiger ist der Text von Tom Waits' "Chocolate Jesus". Aber wen kümmern schon Songtexte, wenn es rockt. Nichols tauscht die Akustikgitarre gegen eine elektrische, Beth singt "Leave The Light On" von ihrem gleichnamigen zweiten Album aus dem Jahr 2003, der Rest der Band kommt auf die Bühne, Bassist und Schlagzeuger steigen ein, verwandeln den Song zur typischen amerikanischen Mainstream-Power-Ballade, wandern hymnisch durch die Kadenzen.

Es wird schwer gerockt, balladenhaft und ballernd. Manchmal auch mit etwas altbackenen Hardrockschablonen und Gitarrengefiedel, Schlagzeugsolo, Basssolo. "Lifts You Up" reißt dann tatsächlich wieder hoch aus der solide durchschnittlichen Rockmucke - mit einer veränderten, schwer funkenden, neuen Version des alten Songs von 2003 zu starkem Gesang.

So geht es auf und ab, mit dem Tempo, mit den Songs, mit dem Abend - wie in Beths Leben, rauf und runter, und immer wieder ein paar Hänger. Davon singt sie, davon erzählt sie, aber auch dass es ihr schon eine ganze Weile wieder richtig gut gehe. Dass sie nach all den miesen Erfahrungen seit etlichen Jahren glücklich verheiratet sei mit Scott. Exquisit ins Bild des freundlichen Hardrockers passend, die Sonnenbrille ins blondierte Langhaar gesteckt, richtet Scott der Gemahlin die Mikrofone und reicht ihr die Akustikgitarre zum feinen Reggae: "The Ugliest House On The Block", bevor sie sich wieder ans Piano setzt zu ihrem größten Hit und vielleicht auch besten Song des Konzerts, der autobiografischen Ballade "L.A. Song", einer Abrechnung mit der Stadt, den Drogen, den Männern und mit sich selbst.

In den Zugaben wird noch ein bisschen gerockt. Und zur größten Freude der frenetisch feiernden und jubelnden Fans singt die aufgedrehte Beth mit bester "Rockröhren"-Stimme zum Schluss nach zwei Stunden noch "Whole Lotta Love" - dass der Tanzboden bebt.

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