Konzertkritik : Scott Matthew: Schmerzensmann und Scherzbold

In der Passionskirche betört der australische Songwriter Scott Matthew als theatralische Dramaqueen mit einer Extraportion Humor.

Jörg W,er

Vermutlich sind umfallende Bierflaschen rein statistisch unvermeidlich, wenn eine genügend große Zahl von Trinkern die Pullen auf dem Boden abstellt und andere dazwischen herumlaufen. Was in einem normalen Rockkonzert kaum auffällt, wird bei Scott Matthew in der Passionskirche zu einer Art Running Gag: Regelmäßig gerade dann, wenn der New Yorker Songwriter australischer Herkunft eine besonders heikle, leise Passage singt oder zart auf der Ukulele herumplinkert, klirrt es irgendwo zwischen den voll besetzten Kirchenbänken.

Matthew nimmt es mit Humor, wie er überhaupt gar nicht der vom Schicksal gebeutelte Schmerzensmann zu sein scheint, den man aus der Anmutung seiner Lieder hätte erwarten können. Denn seine Songs nehmen es an tragödischer Wucht und dramatischem Gestus durchaus mit denen seines Kollegen Antony Hegarty auf. Hinter neutralen Titeln wie „German“, „Dog“ oder „White Horse“ verbergen sich erotisch aufgeladene Seelenpein-Exorzismen, die der rauschebärtige Exzentriker mit bebender Stimme zum Besten gibt. Sein Gesang mag dabei nicht die ozeanische Weite Antonys besitzen, aber dies macht Matthew durch die Intensität seines Vortrags wett, die sich auch in einer sichtbaren Körperspannung äußert.

Doch nach jedem Stück findet in Sekundenbruchteilen eine kleine Verwandlung statt: Völlig gelöst bricht er immer wieder in prustendes Kichern aus, kommentiert sein heftiges Transpirieren („This is a hot Place!“), bittet um Nachsicht für einen der Örtlicheit unangemessenen Songtitel wie „For Dick“ oder schäkert liebevoll mit seiner Begleitband. Marisol Martinez am Flügel, Bassist Eugene Lemcio und der zwischen Cello und Konzertgitarre wechselnde Sam Taylor werden mit Komplimenten, Umarmungen und Scherzen bei Laune gehalten, was sie ihm durch die punktgenaue Reduktion der auf Platte deutlich opulenteren Arrangements danken.

Zu den zahlreichen Höhepunkten zählen das mit hawaiianischem Esprit swingende „Community“, das hinreißend gesungene „Abandoned“ und das umjubelte „Upside down“ vom „Shortbus“-Soundtrack. Im Überschwang des Augenblicks gelingt selbst eine verwegene Coverversion: „I won‘t share you“, das lakonische Finale der letzten The-Smiths-LP, wird von Matthew erfolgreich zur theatralischen Pianoballade umgedeutet. Und nach 90 Minuten muss man schon ein harter Knochen sein, um zum ergreifenden „In the End“ nicht wenigstens einen Kloß im Hals zu verspüren.

Wer Mitte Juli in der Schweiz ist, sollte sich übrigens einen Abend freihalten: Am 15. des Monats treten Scott Matthew und Antony Hegarty gemeinsam beim Montreux Jazz Festival auf. Dieses Gipfeltreffen der queeren Dramaqueens darf man sich nicht entgehen lassen.

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