Konzertkritik : Sonic Youth: Alterslos bleiben

Klassiker des Underground-Rock: Das Trio von Sonic Youth verrichten in Berlin ruhig, konzentriert und ohne Mätzchen ihre Arbeit an Gitarre, Bass und Schlagzeug.

Gerrit Bartels
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Im Glitzerlicht. Kim Gordon von Sonic Youth in der Columbiahalle. -Foto: ddp

Als Sonic Youth am Mittwochabend die Bühne der ausverkauften Columbiahalle betreten, kommt man erst einmal schwer ins irritierte Grübeln: Hat Kim Gordon nicht auch beim letzten Berliner SonicYouth-Auftritt dieses ärmellose silberne Kleidchen getragen? Oder war es beim vorletzten? Ja, trägt Gordon nicht immer diese Kleidchen, die sie, von Weitem gesehen, um mindestens 20 Jahre jünger machen? Und hat nicht auch Thurston Moore immer diese weißen, aus der Hose hängenden Hemden an? Und gehören die ersten Plingplingplings, die er seiner Gitarre entlockt, zu einem Stück des jüngsten Sonic-Youth-Albums „Eternal“? Oder hat er damit auch früher schon so manches Konzert eröffnet?

Alle diesen Fragen lassen sich nicht so leicht beantworten, was aber kein Wunder ist. Denn Sonic Youth gibt es fast 30 Jahre, und jeder ihrer Auftritte hat inzwischen den Charakter einer Zeitreise. Anfang der achtziger Jahre gegründet, um dem Punk eine krachigere, artifiziellere Note zu geben, um die letzten HippieAusläufer zu vertreiben und sich gegen die damals schon zu Klassikern erstarrten Bob Dylans, Rolling Stones und Neil Youngs in Szene zu setzen, ist die New Yorker Band heute ebenfalls ein Klassiker: ein Klassiker des Underground- und Noise-Rock, aber auch ein interdisziplinäres Gesamtkunstwerk. Sonic Youth featuren Künstler, ob bildende Künstler oder Musiker, sie eröffnen Gerhard-Richter-Ausstellungen, sie sind gar selbst Dreh- und Angelpunkt einer Ausstellung. So wurden zuletzt in Düsseldorf Exponate aus ihrer Bandgeschichte und Werke befreundeter Künstler wie Raymond Pettibon, Mike Kelley und anderen gezeigt. Und Sonic Youth spielen ihr eigenen Großwerke vom ersten bis zum letzten Stück live nach, wie vor zwei Jahren das legendäre 88er-Album „Daydream Nation“. Da versteht es sich, dass die Band bei ihren Auftritten inzwischen sehr wohl überlegen muss, in welches Songumfeld sie ihre jeweils neuesten Alben bettet, wie sie neue und alte Stücke miteinander in Beziehung setzt, wie sie überhaupt mit ihrer gewachsenen Reife umgeht.

Und so kann man an diesem Abend den Eindruck bekommen, als hätte es Sonic Youth in den neunziger Jahren gar nicht gegeben, die Erfolge (MTV-Stars!) und Krisen dieser Jahre, und als hätten sie mit „Eternal“ auch in den nuller Jahren nur ein einziges Album veröffentlicht. Und als wollten sie sich bloß vergewissern, dass ihre Bandgründung 1981 goldrichtig war und die alten Stücke auch heute noch wunderbar funktionieren. Um es in Anlehnung an einen ihrer frühen Songtitel zu sagen: Zeitlosigkeit ist Sex.

Sonic Youth spielen Stücke von ihren frühen Alben „Bad Moon Rising“, „Evol“ und „Sister“, darunter Klassiker wie „Tom Violence“ und „Death Valley 69“. Und sie vermengen sie immer wieder mit den eher ausgeschlafenen, irgendwie schon jetzt in Ehren ergrauten Songs von „Eternal“. Dessen fast zehnminütiger Rausschmeißer „Message The History“ ist dabei der Höhe- und Schlusspunkt vor den Zugaben, mit Thurston Moore an der akustischen Gitarre und dazu einer Kim Gordon, die nie dramatischer ins Mikrofon gekrächzt, gezwitschert und gehaucht hat.

Es ist ein schönes, aber routiniertes Konzert. Der Überschwang, mit dem Sonic Youth vor drei Jahren das Album „Rather Ripped“ vorstellten, als zum Beispiel Kim Gordon völlig losgelassen die Bühne rauf und runter hüpfte und sich Lee Ranaldo und Thurston Moore alberne Gitarrenkämpfe lieferten, dieser Überschwang fehlt diesmal völlig. Ruhig, konzentriert und ohne Mätzchen verrichten Moore, Ranaldo und Steve Shelley ihre Arbeit an Gitarre, Bass und Schlagzeug. Neumitglied Mark Ibold fällt wie gewohnt nicht weiter auf, und auch Kim Gordon verzichtet auf jede Tanzeinlage und hält die Stellung am Mikro, in der Mitte der Bühne.

So gerät das Publikum, das unstylish wie nie ist, das sich aus Wacken-Fahrern, Melvins-Fans und auch ein paar ulkigen jüngeren, vollbärtigen Nerds zusammensetzt, vor allem dann aus dem Häuschen, wenn Sonic Youth die alten Stücke spielen. Wobei viele Fans oft schon nach den ersten Akkorden wissen, mit welchem Song sie es zu tun haben. Vermutlich gibt es bald nicht bloß das Dylan-Expertentum, sondern auch den Fachbereich Sonic Youthologie. Das scheint die Band jedoch nicht weiter zu stören: Sonic Youth, das zeigt dieses Konzert gut, sind mit sich und ihrem Status als Klassikrockband völlig im Reinen.

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