Konzertkritik : Steve Wynn: Wüstenrocker mit Violine

Ein Routinier braucht keine vollen Hallen: Steve Wynn spielte mit neuer Tourband und neuen Instrumenten im Frannz Club – und wirkte unerwartet majestätisch

Jörg W,er

Steve Wynn macht einen glücklichen Eindruck im halb gefüllten Frannz Club. Als Geschäftsmann könnte er vielleicht mit der mäßig beeindruckenden Kulisse bei seinem Auftritt hadern, doch da hat der 48-jährige Routinier in seiner wechselhaften Karriere Schlimmeres erlebt. Zudem scheinen die Anwesenden gewillt, ihre überschaubare Anzahl durch besonders vehemente Beifallsbekundungen zu kompensieren. Wer Wynns alte Tourband, die Miracle Three, geliebt hat, muss sich erst mal an das sechsköpfige Dragon Bridge Orchestra gewöhnen. Nur noch Drummerin Linda Pitmon, inzwischen mit Wynn verheiratet, ist von der alten Truppe dabei. Durch die neuen Instrumente Violine und Keyboard klingen Wynns geradlinige Songs plötzlich voll und majestätisch, manchmal fast überladen. Violinist Rodrigo D’Erasmo spielt zwar sehr schöne, oft aber auch reichlich viele Töne, was grundsätzliche Fragen nach dem Sinn von Vollzeitstellen für Geiger in Rockbands aufwirft.

„Bring the Magic“ heißt das zweite Stück, und es klingt wie ein Motto des Abends. Das Dragon Bridge Orchestra vereint wie selbstverständlich drei der größten US-Indie-Helden der achtziger Jahre auf der Bühne: Neben Wynn, der mit The Dream Syndicate hypnotischen Wüstenrock zelebrierte, sind dies Keyboarder Chris Cacavas, Gründungsmitglied von Green On Red, und Chris Eckman an der zweiten Gitarre, seit 24 Jahren Chef der Walkabouts. Die verschwenderische Ansammlung von Rockgeschichte zahlt sich aus. Angetrieben von Pitmons klar strukturiertem Schlagzeugspiel und Eric Van Loos impulsivem Bass, liefern sich Eckman und Wynn vor allem in älteren Stücken wie „Tears won’t help“ oder „The Medicine Show“ feurige Gitarrenduelle, zu denen Cacavas schäumendes Tastengewühle beisteuert. Steve Wynn, der seine aktuelle Platte in Ljubljana aufgenommen hat, demonstriert seine Osteuropa-Affinität durch das anrührende „She Came“ des Slowenen Tomaž Pengov und seine „Slovenian Rhapsody“, deren schwebende Gesangsharmonien an Pink Floyds „Welcome to the Machine“ erinnern. Zum umjubelten Finale geben alle nochmal Vollgas beim glühenden Lavafluss des 1984er Dream-Syndicate-Klassikers „John Coltrane Stereo Blues“: eine knappe Viertelstunde lodernder Free-Rock mit psychedelischem Sperrfeuer. Soviel Einsatz bleibt nicht unbelohnt: Noch Minuten lang, nachdem das Licht längst wieder an ist, wird enthusiastisch applaudiert.

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