Konzertkritik : Suzanne Vega: Dame in Schwarz

Ihre sehr sympathische, aber unauffällige Präsenz sollte man nicht mit mangelndem Charisma verwechseln: Suzanne Vega versprüht bei ihrem Konzert in der Kreuzberger Passionskirche den spröden Charme des Understatements.

Jörg W,er
Vega
Suzanne Vega in Berlin. -Foto: Davids

Vor dem Konzert von Suzanne Vega werden flauschige Handtücher auf der Bühne der gut besuchten Passionskirche verteilt. Eigentlich nicht unüblich, aber andererseits dann doch. Wird das hier eine schweißtreibende Rock-Schaffe? Trotz sommerlicher Temperaturen würde einen das bei der nicht gerade als Rampensau verschrienen New Yorkerin wundern.

Suzanne Vega könnte heute wohl größere Veranstaltungsorte füllen, wenn sie 1990 eine Steilvorlage genutzt hätte. Damals schraubte das britische DJ-Duo DNA ihren A-cappella-Song „Tom‘s Diner“ mit zeitgenössischen Clubbeats zusammen. Der unautorisierte Remix wurde zum Welthit. Suzanne Vega war klug genug, am unverhofften Geldsegen zu partizipieren, anstatt den Studiotüftlern ihre Copyright-Anwälte auf den Hals zu hetzen. Den sich aufdrängenden Claim of Fame – weibliche Stimme mit hohem Wiedererkennungswert trifft auf Dancefloor-Rhythmen – hat sie indes verfallen lassen und sich stattdessen auf die Verfeinerung ihrer Rolle als Songwriter- Intellektuelle kapriziert.

Vega, die Mitte der Achtziger ein brachliegendes Genre reanimierte und sich dabei an Ikonen wie Joni Mitchell und Carly Simon orientierte, ist selbst zum Role Model geworden. Das belegt die etwas unglücklich gewählte Vorsängerin Mariha: Aussehen und Habitus sind nah am Vorbild, Talent und Stimme nicht. Den epigonalen Sound der Kopie muss man erstmal aus dem Ohr schütteln, als das Original im schlichten schwarzen Hosenanzug die Bühne betritt. Suzanne Vega, die in wenigen Tagen 50 wird, zeichnet sich durch eine sehr sympathische, aber unauffällige Präsenz aus, die man nicht mit mangelndem Charisma verwechseln sollte. Die Abwesenheit von Expressivität korrespondiert vielmehr mit der Konzentration auf das Wesentliche ihrer Performance.

Und das ist nunmal der Gesang. Vegas langgezogene, reich modulierte Melodielinien, die sie mit sparsamem Fingerpicking auf der Konzertgitarre begleitet, sind das Herzstück jedes Songs. Ihre frühen Hits „Marlene On The Wall“, „Gypsy“ oder „Luka“ klingen genauso verhangen wie zur Entstehungszeit, obwohl die typische Folkrock-Instrumentierung durch eine luftige Jazzrock-Note ersetzt wird. Für die sorgen ihre beiden Begleiter: Der irische Gitarrist Gerry Leonard montiert kurz angerissene Akkorde zu Loops und lässt dazu weiche Glissandi fließen, während Mike Visceglia kraftvolle Notengirlanden auf seinem E-Bass zupft. Sein körperlich betontes Spiel verleiht Stücken wie „Left Of Center“, „Blood Makes Noise“ und der brodelnden „Tom‘s Diner“-Version vibrierenden Groove. So bleiben subtile Verschiebungen in den Arrangements die Überraschungsmomente in einem Set, das routiniert alle Phasen von Suzanne Vegas Karriere abarbeitet und nach anderthalb Stunden mit dem wunderschönen „In Liverpool“ angemessen melancholisch endet.

Vom Handtuchangebot hat übrigens nur der Bassist Gebrauch gemacht. Jörg Wunder

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