Konzertkritik : Telepathe: Anti-Clubmusik

Singen können sie wirklich nicht, Busy Gangnes und Melissa Livaudais von Telepathe. Aber okay, darauf kommt es nicht an - auch nicht beim Auftritt im Picknick in Mitte.

Kolja Reichert

Die beiden It-Girls aus Brooklyn, die steif an den Samplern stehen, ab und an die Trommel hauen und selten verschüchterte Blicke ins Publikum werfen, pflegen eine verschrobene, sich verweigernde Anti-Clubmusik. Dabei wird deutlich, dass man sich heute kaum noch in Ruhe verweigern kann, wo die richtige Haltung nicht mehr ist als eine flüchtige Währung in der Aufmerksamkeitsökonomie des globalen Hipstertums.

Kaum war das Debütalbum „Dance Mother“ verschickt, geadelt durch die Produzentenschaft von TV-On-The-Radio-Erfinder Dave Sitek, versammelten sich gleich die trendverständigen Gazetten, um das neue Produkt zu vermessen und mit den entsprechenden historischen Verweisen zu versehen, dem Dream Pop der Cocteau Twins etwa.

Zuviel Projektionswut für eine noch zu zarte Pflanze. Telepathe rufen das Bild zweier stilbewusster, etwas verklemmter Mädchen auf, die sich im Club unschlüssig auf dem Flur rumdrücken und später noch im Halbschlaf am Laptop ein paar Soundskizzen basteln. Das Ergebnis ist durchaus charmant, mit dünnen Mädchenchören und kühlen Synthie-Flächen über rumpelnden Marching-Band-Trommeln und zähen Bässen, die sich dehnen wie haftstarker Kaugummi. Jeder Part wie ein letztes Aufraffen.

Beim halbstündigen Clubkonzert im Picknick wirken die beiden aber selbst nicht ganz glücklich. Hinten drängeln sie rein und raus, in der Mitte stehen sie rum und vorne werfen drei Jungs zur Single „So Fine“ ekstatisch die Hände in die Luft, als müssten sie zwanghaft eine Vorstellung von Dabei-sein demonstrieren. Schwer zu sagen, was hier geschieht. Oder was geschehen soll. Wäre es jetzt uncool, nach Leidenschaft zu fragen?

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