Konzertkritik : The Avett Brothers im Astra

Ihre Wurzeln stecken im Folk, Bluegrass und Old Time Country: Unter Volldampf rocken The Avett Brothers die Bühne vom Astra. Die wahren Stars in der Show der Brüder sind jedoch andere.

H. P. Daniels
The Avett Brothers aus North Carolina spielen neben Hochdruck-Folk auch ruhige Töne.
The Avett Brothers aus North Carolina spielen neben Hochdruck-Folk auch ruhige Töne.Foto: Promo

There’s a darkness upon me that’s flooded in light" singt Scott Avett am E-Piano. Seth Avett schrabbelt eine Akustikgitarre und gibt seine brüderliche Harmoniestimme dazu. Und schon steht alles unter Volldampf, ist die Bühne vom Astra geflutet mit Licht, jeder dunkle Gedanke ertränkt, verdrängt vom adrenalisierten, funkensprühenden Hochdruck-Folk der Avett Brothers aus North Carolina.

 Sie hüpfen rasant, um einander, um die eigene Achse und immer volle Kraft voraus. Joe Kwon wirbelt und sägt auf dem Cello, dass die Bogenbespannung bald in Fetzen flattert. Bob Crawford knattert am Bass, Jacob Edwards rattert über die Drums.

 Synchron springen die Brüder in einen rasenden Bluegrass-Calypso: "The Fall". Scott trötet auf der Harmonika, kickt eine kleine Bassdrum neben sich und schüttelt Kopf und Körper zum Plickern seines Five-String-Banjos – wie Angus Young von AC/DC zum Gezerre seiner Gibson SG. Seth wechselt ihn ab beim Singen und pickt die Gitarre auch mal mit einzelnen Fingern.

 Die musikalischen Wurzeln der bärtigen Brüder stecken tief in Folk, Bluegrass und Old Time Country, ihre Attitüde und ihre Energie kommen vielleicht vom härteren Rock. Doch immer spürt man dabei auch ihr großes Faible und Talent für berauschende Melodik. In "Paranoia in B-Flat" mischt sich John Hartfords "Gentle On My Mind"-Melodie mit betörendem Beatles-Harmonie-Gesang. "Kick Drum Head" punkt mit Stakkato-Geachtel und einem wüsten Lärm-Intermezzo von elektrischer Telecaster und Cello. Im Punk-Folk von "Tin Man" klingt "Death Of A Clown" von Dave Davies an, wie überhaupt die guten alten Kinks auch an anderen Stellen melodisch zitiert werden aus "Dead End Street" und "Days".

Und wer hätte gedacht, dass noch einmal ein brodelnder Saal voller junger Leute zum John-Denver-Song "Thank God I'm A Country Boy" fröhlich Pogo hüpfen würde?

 Mögen die Avett Brothers auch im Konzert um so viel kräftiger, funkender und geladener aufspielen als man es von ihren wunderbaren Platten im Ohr hat, sind doch auch live die ungehüpften ruhigeren Nummern die wahren Höhepunkte. Etwa das nur im brüderlichen Duo vorgetragenen zauberhafte "10.000 Words". Oder auch verhaltenere Stücke wie "January Wedding" oder der feine Titelsong vom jüngsten Album "I And Love And You". Schön, wenn zwischen all dem Gewirbel auch mal kurz etwas Melancholie und mehr klangliche Finessen durchfunkeln dürfen.

Nach anderthalb Stunden als letzte Zugabe noch mal wildes Gehacke mit zweistimmigem Express-Gerappe, und dann sind alle glücklich.

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