Konzertkritik : The Kills im Huxley's

Eine qualmende Gitarre. Höllenlärm. Ohrensplitternd. Das sind The Kills aus London.

von
The Kills
The KillsFoto: Edouard Plongeon

Jamie Hince kommt auf die Bühne rauchend, paffend, qualmend, im schwarzen Anzug ohne Hemd. Er wirft die Zigarette weg und die Rhythmusmaschine an, zündelt mit Sounds. Bis es schwelt, lodert, kracht. Eine qualmende Gitarre. Höllenlärm. Ohrensplitternd. Das sind The Kills aus London.

Wie die schöne Prinzessin der Düsternis schlängelt sich Alison Mosshart über die gegenüberliegende Bühnenseite, schüttelt die langen schwarzen Haare, rüttelt manisch am Mikrofonstativ zum Dschungel-Grummel-Klang und spuckt dunkle Satzfetzen ins ausverkaufte Huxley's: "You're gonna have to step over my dead body, before you walk out that door … this ain't no wow no more." "Wow", denkt man, das hat noch mehr Kraft von der Bühne als vom zweiten Album der Kills "No Wow" aus dem Jahr 2005.

Da ist das Grunddröhnen und Basisrumpeln der Rhythmuscomputer, darüber die beiden Gesangsstimmen von Mosshart und Hince. Er zuckt, sie zappelt, der Blutdruck steigt rapide. "Future Starts Slow" heißt der Titel vom brandneuen vierten Album "Blood Pressures". Alles und alle schon auf Hundertachzig beim dritten Stück mit Herzrasen: "Heart Is A Beating" – monotones Stakkato-Hacken, hardrockiges Geriffe.

Hince hat einen exquisiten individuellen Stil, schlägt und rupft die Saiten seiner exotischen Höfner Galaxie mit Daumen und Zeigefinger, knufft den Korpus der Gitarre mit der Faust, bewegt sich wie Wilco Johnson in den wilden Jahren von New Wave und aufmotortem britischen R&B der 70er-Jahre. Jetzt drischt auch Mosshart in eine elektrische Höfner-Gitarre.

Klick-klack-klick-klack-klick-klack zur Stampfmaschine. "Kissy Kissy" vom ersten Album aus dem Jahr 2003 baut auf ein hypnotisches Bluesriff. Solide und standfest bei aller Angeschrägtheit. Immer wieder reiten The Kills auf einem einzigen Akkord – wild und bockig. Wobei es eine große Kunst ist, so lange wie möglich oben zu bleiben, nicht abgeworfen zu werden, nicht abzustürzen. Das amerikanisch-englische Duo Mosshart/Hince erweist sich als meisterlich sattelfest im wilden Ein-Akkord-Rodeo. Da schaut man gerne zu, hört man gerne hin.

Die schöne Alison kreischt und faucht ihre düsteren, verdrehten Texte: "U. R. A. Fever". "Jeder Song ist ein Liebeslied", hatte sie kürzlich in einem Interview erzählt, "jeder Song ist düster und verdreht – wie ein Delirium aus schlechten Nachrichten und kranker Liebe." Im Konzert klingt das dann weder schlecht noch krank. Nur die Schlüsse der meisten Songs sind merkwürdig. Manchmal reißen sie abrupt ab und es bleibt noch ein Rest in der Luft hängen. Vielleicht liegt es an den Maschinen, die am Ende abzuschalten sind.

Hince schraubt an seinem Schaltpult, startet einen weiteren schweren maschinellen Rhythmus. "DNA" ist ein hypnotisches Stück mit feinen Anleihen beim düsteren "We Love You" der Rolling Stones von 1967. Die Fans lieben die Kills: der Saal wabert und wippt.

"Satellite" kommt schwer stampfend und überrascht mittendrin mit einem "Oh-ho-ho"-Chor, der klingt wie ein russisches Matrosenlied. Verblüffend dann auch am Ende als Zugabe die schöne Walzer-Ballade "The Last Goodbye", zu der Hince eine Zigarette bedient und ein kleines weißes Keyboard mit hymnischen Orchesterkonservensounds. Während Alison Mosshart ihre Stimme entfaltet zu großer melodischer Blüte. Doch dann noch einmal schweres Grummeln, Klöppeln, Rumpeln mit "Pots And Pans" und noch einmal Volldampf mit "Fried My Little Brains". Stehendes Feedback, stehende und gereckte Ovationen nach 75 intensiven Minuten.

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