Konzertkritik : The Kills: Kotelettklopfen im Sperrfeuer

Gerüstet für die Dystopie: The Kills liefern im Postbahnhof eine grandios grobmotorische Show.

Jörg W,er

Bratz. Knister. Schrapp. Was für hässliche Geräusche Jamie Hince seiner abgeschabten E-Gitarre entlockt! Das Konzert der Kills im ausverkauften Postbahnhof dauert erst wenige Minuten, und man fragt sich, wie weit das britisch-amerikanische Duo mit seiner Abstrahierung überkommener Blues- und Rockformen noch gehen will. Doch halt, Entwarnung: Es ist nur ein technischer Defekt, der durch flinken Gitarrentausch behoben wird. Hätte vermutlich sonst niemand im Publikum bemerkt.

Das musikalische Konzept der Kills ist denkbar einfach: Von der Festplatte kommen rohe, primitive Beats, die nach Kotelettklopfen oder industriellen Fertigungswerkzeugen klingen und den Stücken eine grobmotorische Dynamik verleihen. Darüber fackeln Jamie Hince und Alison Mossheart ein Sperrfeuer an verzerrten Gitarrenriffs ab, wobei der Brite für die expressiveren Parts zuständig ist, die sich aber selten zu einem Solo konkretisieren, doch hier übernimmt Miss Mossheart die Führung. Ihre schmeichelnde, kratzige Stimme wird oft zu einem furiosen Fauchen, mit dem sie tiefe Furchen in die Songs reißt.

Den zweideutigen Anteil ihrer Bühnenshow haben die Kills etwas zurückgenommen, auch wenn Hince immer noch gern mit der Gitarre in Lendenhöhe unmissverständliche Stoßbewegungen in Richtung seiner Partnerin vollführt. Die laszive Kaputtheit ihrer Performance verstärkt den dramatischen Effekt dieser blutigen Bluesrock-Klumpen. Das Publikum tobt, ein Fan riskiert einen Sprint über die Bühne und wird dabei von einem Roadie verfolgt, ehe er sich halsbrecherisch zurück in die Menge wirft. Als Zugabe, nach einem unglaublichen, minutenlangen Lärm-Gitarrensolo bei „Goodnight Bad Morning“, spielen die Kills noch eine grandiose Coverversion: „I put a Spell on you“, das über 50 Jahre alte Erkennungsstück des Rock‘n‘Roll-Schamanen Screamin‘ Jay Hawkins, wird zum elektrisch zuckenden Hexenritual, das der Intensität des Originals in nichts nachsteht.

Die technischen Probleme begleiten die Kills durch fast die gesamten 75 Minuten des Auftritts. Sie kämpfen sie energisch nieder, Jamie Hince versucht es sogar mit der Kraft des positiven Denkens: „I hope everything doesn‘t fuck up“ wiederholt er wie ein Mantra. Für Momente blitzt die Vorstellung einer dystopischen Zukunft auf, in der etwas so Selbstverständliches wie der reibungslose Ablauf eines Konzerts womöglich aus übergeordneten Ursachen – Stromversorgung, Infrastruktur – nicht mehr gewährleistet wäre. Die Kills sind auf jeden Fall gerüstet dafür.

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