Konzertkritik : The Prodigy: Im Herzen der Finsteren

Die gestählten Rampensäue sind nicht totzukriegen. The Prodigy stellten im ausverkauften Huxleys ihr neues Album vor.

Jörg W,er
Tourauftakt von "The Prodigy" in Berlin
Exzessiv. Keith Flint, Sänger der englischen Band The Prodigy.Foto: dpa

Raver-Familientreffen beim Konzert von The Prodigy: Gut erhaltene Love-Parade-Veteranen mischen sich im ausverkauften Huxley’s mit aufgekratzten Indie-Kids, die ihre Band-T-Shirts spazieren tragen. Anders als ihre Zeit- und Artgenossen Underworld oder Chemical Brothers haben The Prodigy einen Generationenwechsel ihres Publikums erreicht, obwohl sie wenig dafür getan haben. Zwölf Jahre sind seit dem epochalen Album „The Fat of the Land“ verstrichen, mit dem das Trio aus Essex 1997 als erster elektronischer Dancefloor-Act nicht nur die europäischen Hitparaden eroberte, sondern auch an die Spitze der US-Charts schoss. Seitdem haben sich The Prodigy im Stil launischer Superstars mehrfach zerstritten und wieder versöhnt. 2004 erschien das schwache „Always outnumbered, never outgunned“, das mehr ein Soloalbum von Chefelektroniker Liam Howlett war und den verwitterten Ruf von The Prodigy ramponiert hat.

Aber so leicht sind die in tausend Partygewittern gestählten Rampensäue nicht totzukriegen. Ihr Comeback wird dadurch begünstigt, dass sich in den letzten Jahren Indie-Dancefloor-Bands wie Justice, Digitalism oder Soulwax explizit auf sie bezogen. So kommt ihr fünftes Album „Invaders must die“ (Cooking Vinyl) auch optisch angriffslustig daher: Das düstere Heck eines Zeppelins beherrscht das Cover, dazu gibt’s im Booklet Riot-Bilder mit „Wir gegen die Bullen“-Thematik. Nicht nur in England, dessen einst blühende Rave-Szene von einer rigorosen Gesetzgebung abgewürgt wurde, ist das ein jederzeit abrufbares Reizschema.

Der Soundtrack zur Krise

Musikalisch hat sich wenig verändert: Die emblematischen Abrissbirnen-Breakbeats bilden das unerschütterliche Fundament für einen Wall Of Sound aus jaulenden Sirenen, verzerrtem Gitarrengehacke und mutierten Killer-Spielekonsolen. Fast alle Tracks hätten auch auf „The Fat of the Land“ Platz gefunden, was von der stilistischen Renitenz der früheren Innovatoren zeugt, aber auch Qualitätsmerkmal ist: Sie halten dem Vergleich mit den Klassikern stand. Zusätzliche Aktualität gewinnt „Invaders must die“ als Soundtrack zur Krise. Der kann man entweder einen Stimmungsaufheller wie den Blümchensound von The Whitest Boy Alive entgegensetzen. Oder man begibt sich auf eine läuternde Reise ins Herz der Finsternis, für das The Prodigy mit ihren übersteuerten Endzeitklängen das Navigationssystem besitzen.

Im Konzert funktioniert das bestens. Nachdem ein Techno-DJ die Menge weichgeklopft hat, entlädt sich die aufgestaute Energie zu den Zyklopenbeats von „World’s on Fire“ in einem unglaublichen Massengespringe. Während Howlett hinter seinem Computerarsenal die Dateien abruft und ein Drummer und ein Gitarrist den Live-Sound verdichten, sorgen Maxim Reality und Keith Flint für die Publikumsbespaßung. Als Sänger kann man beide nur in einer erweiterten Begriffsdefinition bezeichnen: Flint hüpft meist am Bühnenrand herum und bellt die parolenhaften Refrains.
Seinen großen Auftritt hat er bei „Firestarter“, dessen pyromanischem Imperativ er mit irrem Gekreisch etwas Bedrohliches verleiht. Maxim Reality, im wirklichen Leben 41-jähriger Vater von drei Kindern, ist der Chef im Ring. Auch sein Gesang, eher ein gutturales Murmeln – als hätte er Kartoffelbrei im Mund –, ist zwar technisch anspruchslos, aber wir sind hier ja nicht bei „Deutschland sucht den Superstar“. Dafür lockt er die Masse mit herausfordernden „Where the fuck is Berlin?“-Animationen aus der Reserve.

Das 80-minütige Set lässt sowieso keine Alternative zum Exzess zu: Wer hier nicht mitspringt, dürfte den ohrenbetäubenden Lärm und das desorientierende Lichtgewitter als Vorstufe zur Folter wahrnehmen. Bis zum orgiastischen Finale mit dem Hooligan-Kracher „Smack my Bitch up“ und dem tumultuösen „Take me to the Hospital“ geben The Prodigy Vollgas, dann löst sich alles wie nach einer gelungenen Party auf: Die Jungen machen gegenseitig Erinnerungsfotos, die Älteren fuddeln aufgeweichte Garderobenmarken aus durchgeschwitzten Jeans. Glücklich durchgeschüttelt und ein bisschen verstrahlt sehen jetzt alle aus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben