Konzertkritik : The Secret Sisters in der "Tausend Bar"

Das futuristisch kühle Ambiente der "Tausend Bar" in Mitte und die altmodisch warmen Countrysongs der Secret Sisters scheinen nicht so recht miteinander zu harmonieren, dafür tun es die Stimmen der Rogers-Schwestern umso mehr.

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The Secret Sisters.
The Secret Sisters.Foto: promo

Der moderne Mitte-Chic der "Tausend Bar" mit entsprechendem Publikum scheint zumindest die Secret Sisters, die beiden Schwestern Laura und Lydia Rogers, ein wenig zu irritieren: "Ich fühle mich wie in einem Raumschiff hier, sagt Laura und kichert überdreht, "wie in Star Trek". 

Wenn auch futuristisch kühles Ambiente und altmodisch warme Countrysongs nicht so recht miteinander harmonieren, so tun es die Stimmen der Rogers-Schwestern umso mehr. In traumhafter Übereinstimmung, in perfekter Intonation ergänzen sich die beiden Frauen aus Muscle Shoals, Alabama, wie es vielleicht nur Geschwister können, die von Kindheit an miteinander gesungen haben: Folk- und Countrysongs mit der Familie, Gospel in der Kirche. Die alten amerikanischen Musiktraditionen waren immer eine Leidenschaft, das größte Vergnügen der Freizeit. 

Auf einer Bühne zu stehen, musikalische Karriere zu machen, daran hatten die Secret Sisters, die inzwischen in ihren Zwanzigern sind, allerdings nie gedacht. Das hatte sich im letzten Jahr eher beiläufig ergeben, und unter der Schirmherrschaft des rührigen Americana-Produzenten T Bone Burnett ist ihnen ein feines Debütalbum gelungen: altmodisch aufgenommen, analog, mit antiken Mikrofonen und Tonbändern, um alten Familien-Lieblingssongs von Hank Williams, Bill Monroe, Buck Owens, George Jones, sowie traditionellen Folksongs, aber auch ihren eigenen Kompositionen den entsprechend natürlichen, erdig wurzeligen Klang zu geben. 

Mit dem sich schließlich sogar auch Raumschiffe erwärmen lassen. Wobei die geschmackvoll dezente Instrumentierung des Albums mit Piano, E-Gitarren, Bass und Pedal Steel im kleinen "Showcase"-Konzert reduziert ist auf die reine Essenz der Songs und der beiden brillanten Stimmen, begleitet lediglich von einer simplen, lagerfeuerigen Akustikschrammelgitarre, die sich die Schwestern hin- und herreichen, zwischen den Liedern, zwischen Melancholie in Dur und Moll. Die Dürre und die Mollige. Laura und Lydia, die ein rührendes Retro-Faible pflegen für die amerikanische Mode der 40er Jahre: knallrote Lippen, lockengewickelte Haare und die Kleider schwer geblümt und gepunktet - als wären sie die amerikanischen Cousinen von Kitty, Daisy & Lewis. 

Laura und Lydia ist die aufrichtige Leidenschaft für die klassische, alte Country- und Gospelmusik in jedem Ton ihrer wunderbaren Interpretationen anzumerken. Ob Songs von Patsy Cline, Skeeter Davis oder ihre traumhafte Fassung von Hank Williams' "Your Cheatin' Heart". Man spürt, dass der Hang zum Singen dieser Songs nicht kalkuliert ist, nichts Gekünsteltes hat, sondern dass die Liebe dazu aus echten Wurzeln über die Jahre gewachsen ist. 

Und hatte man gerade noch gedacht, dass der "Close Harmony"-Gesangsstil der Schwestern mit dem Intervall einer Terz zwischen den Stimmen klingt wie weibliche Everly Brothers, sagt Laura: ihr Lieblingsvergleich sei es, wenn man die Secret Sisters mit den Everly Brothers vergleiche, denn deren Harmoniegesang sei ja wirklich "top notch". Erstklassig ist dann auch die Version der Secret Sisters des Everly-Brothers-Songs "Devoted To You". 

So kräftig, selbstsicher und natürlich der Gesang der Secret Sisters von der Bühne kommt, so seltsam artifiziell wirken dagegen die Zwischenkommentare von Laura Rogers. Jeden Turboschnellsprechwettbewerb könnte sie gewinnen damit. Wie eine aufgezogene Quasselstrippe rattert sie ihre hektischen Ansagen herunter. Was vermutlich der enormen Anspannung der noch so wenig erfahrenen Bühnenneulinge geschuldet ist. Die Verabschiedung vor dem letzten Song klingt wie die Grußfloskel eine Stewardess nach einem Transatlantikflug.

Ein toller Höhenflug der Secret Sisters war ihr Auftritt allemal, der schließlich endet mit berauschendem A-Capella-Gesang und einem alten Song von 1926: "Tonight You Belong To Me".

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