Konzertkritik : Them Crooked Vultures: Dreier mit Geier

Gruß von Led Zeppelin: Die Supergroup Them Crooked Vultures begeistert in Berlin.

H. P. Daniels
313755_3_xio-fcmsimage-20091208163046-006000-4b1e7126ce0cd.heprodimagesfotos86120091209davids_them-crooked-vultures1.jpg
Wunschkonzert. Das Heldentrio Them Crooked Vultures in der Columbiahalle mit Aushilfsgitarrist Alain Johannes (r.). Foto: Davids/...DAVIDS/Darmer

Ein Orkan tost durch die Menge, volle Bierbecher segeln durch die Luft, Begeisterung brandet auf, als wäre die Band, die da auf die Bühne der Columbiahalle kommt, schon seit Jahren ganz weit oben, als hätte sie schon Großes geleistet, unzählige erfolgreiche Alben veröffentlicht und etliche Hits gelandet. Aber nichts davon. Them Crooked Vultures existieren erst seit ein paar Monate, ihr erstes Album erschien im November. Was ist da los?

Kurzes Kickdrum-Snare-Rumsen und gleich ein schweres rhythmisches Gitarrenriff hinterhergeballert. Der erste Song „No One Loves Me And Neither Do I“ ist auch der erste Song vom Debütalbum der Vultures, deren enthusiastische Gefolgschaft, wie an den T-Shirts zu erkennen, sich überwiegend aus Fans der Foo Fighters, Queens Of The Stone Age und vor allem von Led Zeppelin zusammensetzt. Möglicherweise auch noch einigen von Nirvana, Kyuss, den Eagles Of Death Metal. Hängt ja auch alles irgendwie zusammen. Stilistisch und personell, wenn Gitarrist Josh Homme, Drummer Dave Grohl und Bassist John Paul Jones gemeinsame Sache machen.

Früher nannte man so was Supergroup: Einzelne Musiker berühmter Bands formieren sich zu einer neuen Gruppe – wie einst Cream, Blind Faith oder Crosby, Stills, Nash & Young. Them Crooked Vultures machen allerdings nicht den Eindruck, als wären sie ein Ferienprojekt stinkreicher, gelangweilter alter Rocklegenden.

Hier steht nicht Egomanie, sondern das reine Vergnügen am Musikmachen im Vordergrund, unverbrauchte Energie und Leidenschaft vom ersten Ton. Der ehemalige Nirvana-Mitstreiter und spätere Frontmann der Foo Fighters, Dave Grohl, hämmert in die Drums, als ginge es noch mal ums Ganze, ein neues Leben. Queens-Of-The-Stone-Age-Mastermind Josh Homme, metalt verbogene Akkorde und knochentrockene Riffs in seine exotische Motorave-Belaire-Blacktop-Gitarre. Auf der linken Bühnenseite, am meisten bejubelt und mit Sprechchören gefeiert: Mister Jones, ehemaliger Led-Zeppelin-Mann, der schon dort mehr war als „nur“ Bassist. Auch heute ist er wieder mehr als das, und spielt gleich am Anfang kreischende „Krumme Geier“-Figuren auf einem ausgefallenen, wie einen Bauchladen umgehängten Lap-Steel-Bass. Der Engländer kann sich mit seinen 63 Jahren ohne Weiteres sehen lassen neben den beiden Amerikanern, die mit ihren 27 (Homme) und 23 Jahren (Grohl) weniger in den Knochen seine Söhne sein könnten.

Homme singt von „Dead End Friends“, ohne eitlen Schnickschnack. Vergleiche mit Robert Plant wären unfair und unangebracht. John Paul Jones entlockt seinem bewährten Zeppelin-Bass perkussiv knurrende Läufe. In „Scumback Blues“ mischen sich melodisch riffige Erinnerungen an „Strange Brew“ von Cream. Die verzwirbelten Gitarren von „Elephants“ lassen wieder an Led Zeppelin denken und gehen über in stürmischen Boogie.

Die vielen ineinander geschachtelten Kompositionsteile, aus denen zwischendrin eine vage Erinnerung an den Yardbirds-Song „Over Under Sideways Down“ aufglimmt, vermitteln bei genauem Hinhören eine Ahnung, wie viel komplexer Hard Rock sein könnte. Alles ist unglaublich präzise und auf den Punkt gespielt. All die abrupten Stopps, plötzlichen Wendungen und Schlüsse.

Schon 2005 hatte Grohl in einem Interview der englischen Musikzeitung „Mojo“ erzählt, dass er, könnte er sich’s aussuchen, gerne mit Homme und Jones zusammenspielen würde. Er habe das eigentlich gar nicht so ernst gemeint, sagt er heute. Sondern mehr so als Wunschfantasie. Als sich Grohl, Homme und Jones Anfang 2009 dann tatsächlich in einem Studio in L.A. trafen zum gemeinsamen Jammen, da sei das wie ein Blind Date gewesen: ohne zu wissen, was dabei rauskommt.

Sie spielen alle 13 Songs ihrer schnell aufgenommenen ersten Platte. Und einen noch dazu: „Highway One“ beginnt mit bedrohlichen Klängen: Grummeln, grollende Gitarren, aufkommender Sturm. Und dann spielt John Paul Jones eine elektrische Mandoline mit rasanten, orientalisch anmutenden Tonfolgen. Der Gesang von Grohl und Homme eiert wunderbar zwischen Psychedelia und Arabica. Schluss nach anderthalb Stunden. Was hätte noch folgen können?

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