Konzertkritik : Troubadour-Finale 2010 in der Wabe

Viel ordentliches, musikalisches Handwerk war zu hören von allen Musikern beim Finale des Singer/Songwriter-Wettbewerbs "Troubadour - Modern Minstrels". Doch das echte, gelebte Leben kam etwas zu kurz.

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Sehr voll und heiß ist es in der Wabe beim Finale des internationalen Singer/Songwriter-Festivals "Troubadour - Modern Minstrels", das nun bereits zum fünften Mal stattfindet und inzwischen zu einer beliebten Institution in Berlin geworden ist.

Dicht zusammengerückt lauscht ein erstaunlich begeisterungsfähiges, vorwiegend junges Publikum der Endausscheidung des Wettbewerbes, bei dem seit September letzten Jahres unzählige Musiker ihre Songs vorgestellt und sich aneinander gemessen haben. Anders als bei berüchtigten Fernseh-Castingshows à la DSDS, geht es hier nicht so sehr um die Konkurrenz untereinander oder um gegenseitiges Ausstechen, sagt die amerikanische Organisatorin und Troubadour-Initiatorin McKinley Black, sondern vielmehr um eine "Vernetzung" der Teilnehmer untereinander, sowie die Förderung der Berliner "Akustik-Musik-Szene". Das scheint seit fünf Jahren prächtig zu funktionieren, denn etliche der bislang 342 teilnehmenden Musiker aus neun verschiedenen Ländern, die sich bei Troubadour kennengelernt haben, tauschen sich seitdem rege untereinander aus, verschaffen sich gegenseitig Auftrittsmöglichkeiten und assistieren einander bei Konzerten oder Plattenaufnahmen.

Beim Finale geht es jetzt allerdings doch noch ein bisschen um Konkurrenz, denn natürlich würde jeder der letzten sechs Teilnehmer gerne den Ruhm und die 1000 Euro Siegprämie des ersten Preises gewinnen.

Der Amerikaner Ian Hooper mit Bart, kurzen Hosen und kariertem Hemd wirkt als einziger männlicher Teilnehmer wie ein Exot zwischen all den Ladys. Mit nasal quäkiger Stimme singt er Folkiges zur Akustikgitarre, pfeift ein munteres Solo mit interessanter Mimik und widmet seinen zweiten Song der Berliner Freundin. Nett.

Franziska Guenther, eine sonnige 23-Jährige im kurzen schwarzen Kleidchen und mit irritierend knallroten Strumpfhosen und Cowboystiefelchen, spielt ihre Gitarre sehr fingerflott in angenehm klingelndem Open-Tuning. Ihr zweites Lied, erklärt sie, handle von einem Kampf zwischen Teufelchen und Engelchen. Und dass sie sich wünscht, das Engelchen möge gewinnen, weil es ein Hippie sei. Franziska, die auf ihrem Pressefoto als Hippiemädchen mit Strohhütchen in einem Sonnenblumenfeld posiert, gewinnt zwar Sympathien, aber nicht den Wettbewerb.

Die Berlinerin Jenny Weisgerber kommt sehr blond, im taubenblauen Kleid und barfuß, mit einer deutlich dunkleren Stimme als die Konkurrentinnen mit ihren überwiegend sirenenhaften Gesängen. Ihre hübsche Ballade "Green Lover" erinnert in ihrer Stimmung flüchtig an Kurt Weill und seine modernen Interpretationen durch Marianne Faithfull. "Beautiful World" ist dann eine Mitsinganimationsnummer mit "La Bamba"-Groove.

Noch langhaariger, blonder und blendend blau gekleidet gewinnt das Zwillingsschwesternpaar "Strawberry Blonde" aus Dänemark den dritten Platz mit einer Art Euro-Pop, in dem sich Assoziationen an Abba und Eurovisionswettbewerb mischen. Mit großer Gitarre und scharfem Harmoniegesang.

Ebenfalls aus Dänemark kommt Turid Guldin. Mit Pagenkopf und golden rot im Licht blinkerndem Ohrring sitzt sie am Konzertflügel, hämmert monoton löchrige Akkorde in die Tasten und singt von "thoughts between evil and good" in ihrem Song "Black Snake", lässt dabei ganz entfernt an Rickie Lee Jones denken, und gewinnt den zweiten Preis.

"Es sind so wahnsinnig viele Leute hier und ich finde es einfach total Wahnsinn!" sagt die Berlinerin Susi Koch, donnert in den Flügel und bekennt staccato singend: "Ich hab kein' Bock auf geheuchelte Umarmungen, ich will ehrlich sein!" Bei dem flotten Schlager-Pop und den theatralischen Posen fragt man sich kurz, ob das ironisch gemeint sein könnte, aber dann ist es doch alles sehr ernst mit großen Augen und ein bisschen manieriert à la Kate Bush oder Tori Amos.

"Ich fühl mich guh-huht" singt Susi, und dazu uh-huht ein netter Background-Chor: zwei hübsche Damen im kurzen Schwarzen. Sehr blond und langhaarig natürlich. Das liegt wohl im Trend dieses Jahr, ebenso wie exzessiver Uh-huh-Gesang. Die Fans brechen in eurovionsartige Raserei aus. Mehr noch, nachdem die Stimmen des Publikums und die der Jurorinnen - der Sängerin Ulla Meinecke und der "Radio Eins"-Moderatorin Marion Brasch - aus- und zusammengzählt waren, Susi Koch als Siegerin feststeht, und Susi selbst dazu sagt: "Ich weiß gar nicht was ich sagen soll!" Wie die Zweit- und Drittplazierten darf sie dann noch mal singen: "Oh, trag mich nach Haus, nimm mich mit zu dir nach Haus und lass uns hemmungslos lieben!" und dann noch "Wah-oh-oh-oh-auh - das ist der Tanz des Lebens."

Viel ordentliches, musikalisches Handwerk war zu hören von allen Musikern dieses Abends, aber am Ende beschleicht einen doch der Verdacht, dass alles, was da so bemüht nach Soul, nach echter Seele klingen wollte, mehr im Gesangsunterricht antrainiert als vom Leben erfahren und vom wahren Gefühl geprägt wurde. Und so ist der eigentliche Gewinner des Herzens der Schotte Steph Macleod, Troubadour-Sieger des letzten Jahres, der in einem kurzen Gastauftritt mit heftigem Richie-Havens-Geschrabbel, wüstem Stampfen und einer expressiven Stimme, die ein wenig an den seligen Kevin Coyne erinnert, doch noch eine Spur gelebten Lebens, wahrer Leidenschaft und tiefen Empfindens ahnen lässt.

Der nächste Troubadour-Wettbewerb beginnt am 30. September.

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