Konzertkritik : Van der Graaf Generator im C-Club

Mehr als 40 Jahre Musikgeschichte verbergen sich hinter dem Bandnamen Van der Graaf Generator. Fröhlich ist die Musik der britischen Rockband nicht, eher anstrengend und schwere Arbeit. Doch, wenn man sich darauf einlässt, ist der Lohn beachtlich.

H.P.Daniels
Van der Graaf Generator: Guy Evans, Hugh Banton, Peter Hammill (v.l.)
Van der Graaf Generator: Guy Evans, Hugh Banton, Peter Hammill (v.l.)Foto: promo

Unglaubliche vierzig Jahre liegt es zurück, dass der Rezensent diese Band zum ersten und zum letzten Mal auf einer Bühne gesehen hat. Van der Graaf Generator waren eine Offenbarung, damals 1971 im Frankfurter Volksbildungsheim, als sie hierzulande noch kaum jemand kannte. Dastand Peter Hammill als schöner, langhaariger, dunkel gelockter Prinz der Finsternis und sang mit unerhörter Stimme zu klanglichen Flächenbränden aus Orgeln und Saxophonen düstere Poeme über verschlingende Fluten, Weltuntergänge, Angst und Einsamkeit. Die ganze Palette seelischer Zustände, die einen empfindsamen intelligenten jungen Menschen in seinen frühen Zwanzigern damals umtrieben, im Nebel von Verlorenheit und Sinnsuche.

Leichter Bodennebel auf der Bühne vom C-Club und steigende Hitze im Saal. Die Verlorenen und Sinnsuchenden von damals sind älter geworden. Etliche der treuen Fans dürften schon auf die Sechzig zugehen, machen aber durchaus den Eindruck, als hätten sie sich gut arrangiert mit ihrem Leben und ihrem Alter.

Auch der inzwischen 62-jährige Peter Hammill hatte immer wieder in Interviews erzählt, dass er zwar diese düsteren Lieder und Gedichte schreibe – über Killer, Engel und Zufluchtsuchende – er selbst aber ein ganz zufriedener und glücklicher Mensch sei. Glücklich auf jeden Fall ist er über den herzlichen Empfang der Fans. Die meisten von ihnen haben sicher auch seine Solokarriere verfolgt über die letzten Jahrzehnte, mit über dreißig Soloalben und regelmäßigen Konzerten, zuletzt vor einem Jahr im Quasimodo.

"Guten Abend" sagt er mit einem scheuen Lächeln und sortiert schnell noch seine Textblätter. Der schöne langhaarige Prinz der Finsternis von vor vierzig Jahren hat sich verwandelt in eine asketisch hagere Gestalt, groß und dünn, weißhaarig und weißhemdig, mit einem Gesicht wie geschnitzt, großnasig und schmallippig. Wie ein zäher Langstreckenläufer sitzt er hinter seinem E-Piano. Und da ist auch schon der schwere Hammond-Orgel-Sound seines ebenfalls weißhaarigen und weißhemdigen Gegenübers Hugh Banton, sowie die vertrackten Schlagzeugschläge vom unbehaarten und rothemdigen Guy Evans dazwischen.

Nach der Wiedervereinigung von Van der Graaf Generator im Jahr 2005 zum Quartett, sind sie seit dem Album "Trisector" (2008) wieder zum Trio geschrumpft. Was etwas schade ist, da der ehemalige Saxofonist David Jackson dem flächigen Orgel/Piano-Sound doch noch eine weitere interessante Klangfarbe hinzufügen konnte.

Von "Trisector" stammt dann auch der Song "Interference Patterns" mit einer unorthodoxen Rhythmik und fernen Erinnerungen an Dave Brubecks "Blue Rondo A La Turk". Was war das für ein ungerader Takt? Neun-Achtel? Hammill besingt mit seiner unverwechselbar eindringlichen Stimme sein Faible für Physik und Philosophie: "All that we see illusory / Every assumption based on blind faith alone…" Und gleich auch die seltsam kryptische, leicht bedrohliche Geschichte von "Mr. Sands" vom neuen, gerade erschienenen Album "A Grounding In Numbers": "Everything's in code / in a world we barely know / and the truth is only slowly revealed…"

Die Ballade "Your Time Starts Now" mit weicher warmer Stimme gesungen und mit Piano/Orgel in "Whiter-Shade-Of-Pale-Feel" gebracht, ist erholsam für einen ruhigen Augenblick, nach all den herausgeschrieenen Worten, den kruden Kakophonien.

Hammill wechselt zur elektrischen Gitarre, schwer verzerrt, mit ledzeppigem Geriffe oder Spaghetti-Western-Twäng, und mit Flanger-Verfremdungen im neuen Song "Bunsho", wo sich in diffizilen Rhythmen die Musiker in drei gegenläufige Bewegungen begeben, die dann doch auf wundersame Weise ein gemeinsames Ziel erreichen.

Mit einem Orgelthema wie ein verschrägter Bach beginnt "Meurglys III (The Songwriter's Guild)" vom Album "World Record" (1976), ein langer Song aus mehreren Sätzen, so lang, dass Hammill zwischendrin aufs Textblatt schauen muss zur Erinnerung: "It's killing me, but in the end / There's no-one else I know it's true / There's no-one in all the masks of men / There's nothing else / But my guitar…" Was hier auch wieder so düster klingt, ist eine Ode an seine alte elektrische Gitarre der Firma Guild.

"You can share an experience of lostness on stage sometimes", sagt Hammill grinsend. Aber wer hat schon gemerkt, dass er und seine Mitstreiter manchmal herausfallen aus den komplexen rhythmischen und melodischen Figuren dieser Songs, die gelegentlich wie moderne Kunstlieder anmuten.

"Man-Erg", der von den Fans am heftigsten gefeierte und wohl auch eindringlichste Titel des Abends, stammt aus dem Jahr 1971 und zeigt noch einmal die ganze klangliche Palette von Hammill und Van der Graaf Generator: von der ruhigen Ballade über schweres Sägen und Schreien, kakophonisches Krachen und wieder zurück zur Stille und schöner Stimme.

Fröhlich ist diese Musik nicht, eher anstrengend und schwere Arbeit. Doch, wenn man sich darauf einlässt, ist der Lohn beachtlich und der Beifall tosend.

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