Konzertkritik : Volle Wucht

Pianowuchtbrummen, an denen man sich nicht satt hören kann: Alicia Keys trat in der Berliner O2-World auf.

Jörg W,er
Alicia Keys
Ohne Schnickschnack. Alicia Keys in Berlin.Foto: ddp

Keine hektischen Tanzschritte, keine Pyro-Effekte, keine Kostümwechsel: Alicia Keys spielt in der Christina-ShakiraBritney-Beyoncé-Liga und macht doch fast alles anders als die Leistungssportlerinnen der R’n’B-Elite. Sie hat es nicht mal nötig, wie ihre Vorsängerin Solange die Hormone der männlichen Zuschauer mit vermeintlichen Blicken auf ihre „Boobs“ in Wallung zu bringen – die bleiben brav verhüllt von zwei goldenen Seepferdchen auf ihrem T-Shirt.

Immerhin versucht die 27-Jährige in der zweidrittelvollen O2-World, die flotteren Nummern ihres letzten Albums „As I am“ durch Showeinlagen aufzupumpen. Das erweist sich als kontraproduktiv: Zum einen sind Songs wie „Teenage Love Affair“ oder „I need you“ stark genug, um ohne choreografischen Firlefanz zu bestehen. Vor allem aber ist Keys keine gute Performerin: Ihre Bewegungen wirken eckig und gekünstelt, ihr Gesang spitz, ihr Lächeln eingefroren.

Welche Veränderung aber, als sie sich für das Salsa-infizierte „Karma“ an den Flügel setzt: Ihr ganzer Körper entspannt sich, plötzlich strahlen ihre Augen, fließt ihre Stimme widerstandslos über melodische Kaskaden. Auch das Publikum ist anders bei der Sache, bejubelt das leidenschaftliche Gesangsduell mit Jermaine Paul in „Diary“, beklatscht brav die Soli der siebenköpfigen Band. Geschickt zitiert Alicia Keys immer wieder große Momente der schwarzen Musikgeschichte. Wenn James Browns „It’s a Man’s Man’s Man’s World“ durch die Ballade „Fallin’“ wabert, ist das nicht nur ein Aha-Erlebnis für Kenner, sondern die Wiedergewinnung unvergänglicher Schönheit für die Gegenwart. Ein letztes Mal demonstriert Alicia Keys dieses Talent nach gut 100 Minuten bei der Zugabe „If I ain’t got you“. Die fängt an wie eines der schönsten Soul-Stücke aller Zeiten, Minnie Ripertons „Lovin’ you“, ehe sie eine dieser Pianowuchtbrummen wird, an denen man sich nicht satt hört. Jörg Wunder

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