Konzertkritik : Xavier Naidoo: Ich mein das so, wie ich es sag

Am Wochenende sang Xavier Naidoo gleich zwei Mal in der Berliner Waldbühne: erst mit den Söhnen Mannheims, dann solo.

Udo Badelt
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Xavier Naidoo in der Berliner Waldbühne -Foto: dpa

Natürlich hebt er sich den Song bis zum Schluss auf: „Und wenn ein Lied meine Lippen verlässt / dann nur, damit du Liebe empfängst / durch die Nacht und das dichteste Geäst / damit du keine Ängste mehr kennst.“ Der bekannteste Hit der Söhne Mannheims ist eigentlich eine Ballade. Doch in der Version, die Xavier Naidoo am Sonnabend in der Waldbühne singt, hat das Stück nichts Sanftmütiges mehr, er macht daraus eine Rocknummer, trotziger, farbiger und tanzbarer. Damit schlägt er eine Brücke zurück zum Vorabend, als die Söhne die gleiche Nummer in der Originalversion gesungen haben, und grenzt sich zugleich von ihnen ab. Das hat Symbolkraft. Denn Xavier Naidoos Verhältnis zu den Söhnen Mannheims wird seit 14 Jahren von einem Wechselspiel aus Sich-Einfügen und Absondern geprägt.

1995 gehörte Naidoo zu den Gründungsmitgliedern der Band und ist bis heute, obwohl ausdrücklich kein einzelner Sänger im Vordergrund stehen soll, deren wichtigster Name. Parallel hat er eine Solokarriere aufgebaut.

Am Wochenende kamen sich diese beiden Stränge in der Waldbühne sehr nahe: Erstmals traten die Söhne Mannheims und Xavier Naidoo an zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden Tagen vor großem Publikum auf. Vergangenes Jahr, beim „Wettsingen in Schwetzingen“, hatte sie das schon einmal ausprobiert, allerdings nur in einem kleinen Rokoko-Theater. Der Termin ist kein Zufall, am Freitag erschien das neue Album der Söhne, das zumindest mit der Buchstabenfolge seines Namens „IZ ON“ die beiden vergangenen Alben „ZION“ (2000) und „NOIZ“ (2004) weiterschreibt. Nach den beiden Berliner Konzerten wollen Band und Naidoo ab Oktober im Doppelpack auf Deutschlandtournee gehen.

Das Solokonzert ist komplett ausverkauft, der Auftritt der Söhne fast. Die Waldbühne wird zum Krater aus Menschen. Auf der Bühne: 14 Musiker, darunter ein DJ (Billy Davis), dessen Scratchkunst leider selten mehr als zwei Takte lang zu hören ist, sowie vier Sänger. Letzteres erinnert ein wenig an die Grand- Prix-Shows der 70er Jahre, als erstmals mehrere Interpreten pro Song zugelassen waren und der Schlagerwettbewerb zur Gruppentherapie wurde. Xavier Naidoo versteckt sich hinter Schiebermütze und Sonnenbrille und lässt auch sonst häufig seinen Bandkollegen den Vortritt, zum Beispiel dem Rapper Metaphysics, der als Tribut an Michael Jackson „Rest in Peace“ singt – zur Melodielinie von „Beat it“. Hip-Hop-, Rock- und Bluesnummern wechseln sich ab, was aber nicht wirklich für Abwechslung sorgt. Die Popularität einer Nummer lässt sich an der Zahl der Displays von Handy- und Digicams ablesen, die als Feuerzeug-Ersatz massenhaft aufploppen.

Naidoos Solokonzert am Samstag ist härter, abwechslungsreicher, bunter auch in der – immer noch simplen – Melodieführung. Er hat allen Grund, den „Himmel über Deutschland“ zu besingen, regnet es doch am Freitag erst nach dem Konzert und am Sonnabend überhaupt nicht. Die Sonnenbrille hat er abgelegt, was seiner Ausstrahlung zugute kommt. Der Star entzaubert sich für einen Moment, als er ein falsches Lied ankündigt, leitet die Peinlichkeit jedoch schnell mittels Kumpelhaftigkeit ab. Die Fans hängen an seinen Lippen, trotz oder gerade wegen der naiven Texte („Europa / Mein Herz schlägt für dich / Nichts Gutes kann passieren / wenn uns Europa zerrinnt“).

Naidoo meint es genau so. Es ist das Fehlen jeglicher ironischer Doppelbödigkeit, das von seinen Fans als Ehrlichkeit geschätzt wird. Für den Glauben, den er überzeugt in seinen Liedern besingt, interessieren sich die meisten nur am Rande – er schadet nicht. Wichtiger sind die eingängigen Beats, die selten einmal durch Rhythmusverschiebungen für einen Augenblick interessant werden. Die besten musikalischen Momente entstehen in eingestreuten Soli, etwa von den Keyboardern (Maze Lebar und Neil Palmer), vor allem aber von Drummer Ralf Gustke und Percussionist Rhani Krija. Schade nur, dass hier kein einziges Handydisplay aufleuchtet. Aber gute Musik lässt sich sowieso nicht fotografieren.

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