Konzertkritik : Yo La Tengo: Das Leben ist kein Wunschkonzert

Im Babylon Mitte spielen Yo La Tengo mit einem minimalistischen Frage-und-Antwort-Konzert auf allerliebste Art an starren Fanerwartungen vorbei.

Jörg W,er

Das mit dem angekündigten Wunschkonzert sei ein kleines Missverständnis, stellt Ira Kaplan, Sänger und Gitarrist von Yo La Tengo, im ausverkauften Babylon Mitte süffisant fest, die Sache werde etwas anders ablaufen: Man möge ihnen Fragen stellen, aus denen sich dann gegebenenfalls der nächste Song ergeben könne.

Dass dieses ungewöhnliche Konzept aufgeht, liegt an der aufrichtigen Bereitschaft der Band, die Fragen ebenso charmant wie ausführlich zu beantworten. Auch wenn etliche Auskunftswünsche in ihrer Rätselhaftigkeit nur wenig Erkenntnisgewinn bringen („Have you ever been to Hawaii?“ – „No, have you been?“ – „No“ – allgemeines Gelächter), entspinnt sich doch eine amüsante Kommunikation zwischen Bühne und Auditorium, bei der man manches erfährt, was man über das Trio aus Hoboken noch nicht wusste.

Außerdem ist es jedesmal spannend, auf welchen nächsten Song das hinausläuft: Aus einem in 25 Jahren angesammelten Repertoire von über 200 Eigenkompositionen und ungezählten Coverversionen stellt sich hier quasi von selbst eine Setlist zusammen, zwischen Indie-Hits wie „Autumn Sweater“ oder „Mr. Tough“ und entlegeneren Stücken wie „Tom Courteney“, der Hommage an den gleichnamigen britischen Schauspieler.

Yo La Tengo nutzen den intimen Kinosaal für eine Demonstration ihrer feinmotorischen Talente: Normalerweise ein Meister rabiater Feedbackeruptionen, beschränkt sich Ira Kaplan hier auf die akustische Gitarre, die er nur gelegentlich, etwa bei dem episch verzerrten Beach-Boys-Cover „Little Honda“, bösartig aufkreischen lässt. Dazu zischelt seine Gattin Georgia Hubley mit dem Besen auf ihrem minimalistischen Schlagzeugset rum, während Bassist James McNew beim gemütlichen Geplucker eins mit seinem Stuhl zu werden scheint.

Als eher untypische Vertreter der Ostküsten-Indie-Szene haben Yo La Tengo schon immer eigenwillige Brücken vom luftigen Doo Wop und Surf der frühen Sechziger zum schroffen Noiserock-Gemeißel von Sonic Youth gebaut, aber so sehr wie beim rührenden „Shadows“ mit Georgias komplett verstimmtem Gesang oder der hinreißenden Sun-Ra-Interpretation „Dreaming“ haben sie noch nie nach in der Gegenwart verlorenen Zeitreisenden geklungen.

Vor der letzten Zugabe hebt ein nerviges Stimmenchaos an, das die veränderte Konzertidee auch im Nachhinein nochmal rechtfertigt: Alle brüllen schnell noch ihre Lieblingslieder in Richtung Band, die diese in der knapp zweistündigen Show – mit allerdings deutlich geringerer Nettospielzeit – ausgelassen hat. Die drei entscheiden sich souverän für „Stockholm Syndrome“: noch so ein Song, auf den auch die Beach Boys stolz gewesen wären.

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