Konzertkritik : Yo La Tengo: Stromgitarre im Klangstrom

Das Schöne an Konzerten von Yo La Tengo, dem Trio aus Hoboken, New Jersey: man weiß nie vorher, welche Songs sie spielen, und vor allem, wie sie sie spielen. Gestern Abend kamen sie ins Astra.

H.P. Daniels

Hart krachend elektrisch oder eher verhalten akustisch? Beim Soundcheck im Astra waren sie melodiös und zurückhaltend. Die erste angenehme Überraschung im Konzert ist das Vorprogramm: Der legendäre Wreckless Eric und seine amerikanische Freundin Amy Rigby gewinnen mit ihrem brillanten Duo-Set eine Menge neuer Freunde. Dann Yo La Tengo: von wegen verhalten und ruhig. Ira Kaplan dreht voll auf, die Keyboards auf der rechten Bühnenseite, dass es zischt in Höllenlautstärke, quietscht und blubbert. Ein sturer Bass von James McNew setzt ein und filzig geklöppeltes Schlagzeug von Kaplans Frau Georgia Hubley. Ira greift sich seine zerholzte rote Fender Jazzmaster und lässt die beiden Verstärker krachen, reißt und zerrt wüste Klänge vom Brett, sägt und zimmert eine massive Lärmwand hinter weichem Harmoniegesang. Auf der anderen Bühnenseite zaubert er zartere Töne aus einer zerfledderten Farfisa-Orgel. Ein Moment melodiöser Ruhe, bevor er auf einer weiteren Orgel heftig kakophoniert, sich anschließend mit der Stromgitarre in den verzerrten Klangstrom wirft. Gebogene Töne zum gebogenen Körper, Buckelsounds. Es wird unerwartet ruhig und zart, wenn Georgia vom Schlagzeug nach vorne kommt, akustische Gitarre spielt, singt, und klingt wie Nico bei Velvet Underground.

Die meisten Songs stammen vom neuen Album "Popular Songs", doch sind Yo La Tengo im Konzert immer ganz anders als auf Platte. Sie spielen sich in eine traumhaft hypnotische Schläfrigkeit, döselig monotone Warteschleife. Dann der brutale Wecker: verzerrtes Gepunke, wüstes Geschrei. "Gentle Hour" ist Industrielärm aus einer monströsen Werkhalle, Geschrappe und Geschramme zu einer pulsierenden Sirene. "Nothing To Hide" kommt wieder frisch, fröhlich, melodisch. Wie durchgeknallte Beach Boys. Vom gischtenden Wellengipfel schmiert das Gitarrenbrett ab, strudelt in elektronisches Ertrinken. Minutenlanger Überlebenskampf, bis der Bass zur Rettung alles wieder nach oben zieht, zur finalen Ekstase. Kaplan fliegen dicke Schweißtropfen von der Stirn. Schwer verausgabt. Alles gegeben.

Dennoch reicht die Kraft noch für eine leidenschaftliche Version von "Disguises", einem obskuren Song der Who von 1965. Yo La Tengo sind immer gut für Überraschungen. Immer gut.

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