Konzertvorschau : Antony & The Johnsons: Eine andere Welt ist möglich

Schöner weinen mit der Elfenstimme: Antony & The Johnsons spielen am Freitag im Admiralspalast.

Kolja Reichert
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Zauberhaft. Geht man nach der Stimme von Antony Hegarty, stammt dieser jungenhafte Mann direkt von den Elfen ab. Ganz ohne...Foto: promo/Leah Nash

BerlinEin Pianolauf, der langsam absteigt wie ein Engel, der einen holen kommt. Aus dem Hintergrund der verhaltene Sirenenruf einer einsamen Gitarrenrückkopplung. „Ich brauche einen anderen Ort“, singt eine Priesterstimme, „wird es Frieden geben / Ich brauche eine andere Welt / diese ist fast verschwunden“. „Another World“ beklagt den Verlust der Natur, zart und eindringlich wie ein Schubertlied und mit einer Stimme, die klingt, als wäre sie selbst schon auf halbem Weg nach drüben. Dass Antony Hegarty auf Fotos gerne die Ohren unter den halblangen Haaren vorschauen lässt, passt. Geht man nach seiner Stimme, stammt dieser jungenhafte Mann direkt von den Elfen ab.

Kitschig? Pathetisch? Oh ja. Aber Antony, der am Freitag mit seiner Band The Johnsons im Admiralspalast spielt, nimmt man das ab. Er trat in den Pop als das große Andere. Hatte Elvis Presley die Hautfarben transzendiert, mit einer Stimme, die klang wie die eines Schwarzen, vereint Antony auch noch beide Geschlechter. Diese Stimme ist alles, schwarz, weiß, Mann, Frau. Lou Reed, der Antony für sein Projekt „The Raven“ entdeckte, hörte in ihm tatsächlich – einen Engel.

Soweit muss man nicht gehen, um zuzugestehen, dass sich kaum jemand mitreißender in Sehnsucht verzehren kann als der Sänger aus dem queeren New Yorker Underground. 2008 landete Antony als Gast beim Disco-Projekt Hercules & Love Affair den Clubhit des Jahres. „Blind“ erzählte von den unerfüllten Träumen eines Jungen, der in der Großstadt sein Glück sucht und war Pflichtsoundtrack auf jeder Modeparty. Vorher hatte Antony schon mit Rufus Wainwright, Boy George und Björk gesungen. Everybody’s Indie Darling ist im breiten Publikum angekommen. Sein drittes Album „The Crying Light“ wurde im Januar bejubelt. Das Konzert im Admiralspalast ist ausverkauft.

Was für eine Erfolgsgeschichte. Als Transgender Kid, das sich schminkte und in Gothic-Klamotten in die Schule kam, wurde der 1971 in Sussex geborene noch von Mitschülern mit Steinen beworfen. Dabei unterhielt er schon als Siebenjähriger tanzend die Nachbarschaft. Während der College-Zeit in Kalifornien begann er Musicals zu schreiben, um sich nach dem Abschluss nach New York abzusetzen, dem damaligen Zentrum der Schwulenkultur. Dort widmete er sich dem Erbe der Drag-Theatergruppen und spielte Performance Shows mit „The Johnsons“, wie seine Band bis heute heißt. „Es ging darum, um zwei Uhr morgens auf eine Bühne zu gehen und in drei Minuten so viele Betrunkene wie möglich zum Weinen zu bringen“, sagte der Sänger einmal der „Spex“. „Der Trick ist, dass man selber auch weint.“

Antony gibt sich einfach ganz her. Das ist entwaffnend. Seine Musik ist exzentrisch und theatral, wie ein Musical. Und „The Crying Light“ ist sein vorläufiges Meisterwerk, keine Selbstentblößungsorgie mehr wie früher, sondern ein konzentrierter Abgesang auf die Natur. Vielleicht ist Antony kein Engel. Aber er ist der beste Engelsbeschwörer, den es derzeit gibt. Der goldgeschmückte Saal des Admiralspalasts ist für ihn genau die richtige Bühne. 

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