Konzertvorschau : Neil Young: Gitarrengewitter in E-Moll

Neil Young ist ein Pendler zwischen Folk und Garagenrock. Am Dienstag spielt er auf der Zitadelle Spandau.

H. P. Daniels
neil young Foto: dpa
Like a hurricane: Neil Young -Foto: dpa

Urgestein, Altmeister, Dinosaurier, Rockopas, Ausnahmemusiker – es sind immer dieselben, oft wenig schmeichelhaften Vokabeln, mit denen die besten und einflussreichsten unter den älteren, noch aktiven Musikern unserer Zeit charakterisiert werden: The Rolling Stones, Bob Dylan und natürlich Neil Young.

Nach seiner ursprünglichen Leidenschaft für Elvis, Roy Orbison und die Shadows wollte Neil so klingen wie eine Mischung aus Stones und Bob Dylan. Und vielleicht war es Glück im Unglück, dass sich seine Eltern trennten, als Neil erst 14 war. Denn der Vater, der Autor Scott Young, duldete im Haus, wenn er arbeitete, keinen Lärm. Nie hätte der Sohn mit seinen Freunden diese krachige Musik spielen dürfen, wie später im Wohnzimmer der Mutter, die ihm auch seine erste elektrische Gitarre schenkte. Eine gebrauchte Gibson Les Paul Junior.

Mit den Squires spielte Neil in den örtlichen Rockschuppen von Winnipeg. Aber dann, Mitte der 60er Jahre, wurde Kalifornien das gelobte Land der Popmusik. In Los Angeles waren The Byrds, The Doors, The Mamas And The Papas. Und bald auch der Kanadier Neil Young mit seiner neuen Band Buffalo Springfield, deren „Mr. Soul“ von einer Folknummer zu einem heftigen Rocksong mutierte, dessen Riff stark an „Satisfaction“ der Stones erinnerte. Ruhiger Folk und krachender Garagenrock sollten für die nächsten 40 Jahre die gegensätzlichen, sich dennoch trefflich ergänzenden Pole in der musikalischen Welt des Neil Young bleiben – von der Kollaboration mit den Woodstock-Hippie-Kollegen Crosby, Stills und Nash über Soloaktivitäten ab 1970 bis zur regelmäßigen Zusammenarbeit mit seiner Lieblingsbegleitband Crazy Horse. Es gibt Experten, die behaupten, Crazy Horse seien lausige Musiker. Doch musikalische Virtuosität war nie die Sache Neil Youngs. Ihm ging es immer mehr um Ausdruck, Gefühl, Intensität. Und diese bodenständige „No bullshit“-Einstellung: Band laufen lassen und drauflosspielen. Keine nachträglichen Korrekturen der Aufnahmen. Purer Stoff. Roh, unbehauen, und fast immer in E-Moll. Klangewitter, Soundstürme, denen sich Young auf der Bühne leidenschaftlich entgegenstemmt, mit wehendem Haar, struppigen Koteletten, heraushängendem Holzfällerhemd. Dieser Sound und Look wurde stilprägend für viele jüngere Musiker des Independent Rock, Punk und Grunge: Sonic Youth, Pearl Jam, Dinosaur Jr., Cowboy Junkies, Walkabouts, Steve Wynn, Giant Sand – unzählige berufen sich aufs große Vorbild, den unbeugsamen, inzwischen 62-jährigen Neil Young. Unlängst hatte er noch mal die alten Kollegen Crosby, Stills und Nash zu einer leidenschaftlichen Protest-Tour gegen George W. Bush zusammengetrommelt. Sehens- und hörenswert dokumentiert in dem von ihm selbst auf der Berlinale vorgestellten Film „CSNY – Déjà Vu“ (noch in den Kinos).

In Berlin tritt Young nicht mit den Hippie-Kumpanen auf, auch nicht mit Crazy Horse, sondern mit seiner Frau Pegi, dem Steel-Gitarristen Ben Keith, dem Bassisten Rick Rosas sowie dem Drummer Chad Cromwell. Und wieder wird er leidenschaftlich pendeln zwischen wüstem elektrischem Garagen-Rock und melodisch akustischem Folk.

Zitadelle Spandau, Dienstag, 18.30 Uhr, Tickets 72,50 Euro

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