Konzertvorschau : Polarkreis 18: Weiß wie Kunstschnee

Vom Underground in die Charts: Polarkreis 18 spielen heute in Potsdam. Die Dresdener zelebrieren eine große Leere und füllen sie mit Sound.

Jan Oberländer
Polarkreis 18
Bei Live-Konzerten tauen Polarkreis 18 schnell auf. -Foto: dpa

Wunderkinder! Hoffnungsträger! Für ihr selbstbetiteltes erstes Album, das im Februar 2007 erschien, wurden Polarkreis 18 geradewegs in den Pophimmel gelobt. Der elegische Fluss ihrer Lieder, die Bläser und Streicher, die Schnurpselbeats und das porzellanene Falsett von Sänger Felix Räuber erinnerten an skandinavische Soundtüftler wie Sigur Rós und britische Schmerzrocker wie Radiohead oder Coldplay. Die sechs jungen Dresdener standen unter hohem Erwartungsdruck.

Er scheint ihnen nichts ausgemacht zu haben. Gerade beim Einsatz von Kopfhörern erweist sich ihr zweites Album "The Colour of Snow", das im Oktober beim Majorlabel Universal erschienen ist, als vielschichtiges, grandios angelegtes, sich weit öffnendes Klangkunstwerk. Die erste Single "Allein, allein" war der Endtitelsong von Marco Kreuzpaintners zeitgleich angelaufenem Film "Krabat", das sorgte für zusätzliche Aufmerksamkeit. Die Nachricht, dass der Song auf Platz eins der deutschen Singlecharts eingestiegen ist, erreichte die Band in London, bei einem Konzert im Blow Up. "Das haben wir dann auf gut britisch mit viel Bier gefeiert", erzählt Pianist Ludwig Bauer. "Ein sehr ausgelassener Abend."

Bauer sitzt neben Felix Räuber an einem Berliner Hotelbartisch, beide haben eine Tasse Pfefferminztee vor sich. Bier? Rockstarallüren? Schwer vorstellbar. Am Abend werden die beiden höflichen jungen Herren bei einem Benefizkonzert gegen Antisemitismus im Flughafen Tempelhof auftreten, nur zu zweit, als Band-Abgeordnete. Im Moment aber ist ihnen eins sehr wichtig: "Auch wenn viele uns erst seit ‚Allein, allein' kennen - wir kommen nicht aus dem Nichts."

Bis jetzt läuft es ziemlich gut

Im Gegenteil. In ihrer Heimat sind die "Polarkreiser", wie sie sich selbst nennen, eine Institution. Sie haben schon das Dresdener Schauspielhaus gefüllt, bevor auch nur die erste Platte erschienen war. "Es gab keinen anderen Plan", sagt der 24-jährige Räuber. Die Musiker kennen sich seit dem Kindergarten, sie sind zusammen aufgewachsen, im Stadtteil Weißer Hirsch, am Elbhang, wo es ruhig ist und grün, und wo die halbe Band noch bei den Eltern wohnt. Seit über zehn Jahren spielen sie zusammen, zumindest der Kern der Band um Räuber. Dreizehn, vierzehn waren die Jungs da. Zuerst haben sie Rumpelrock gemacht, die Britpop-Gruppe Blur war 1999 mit ihrem Album "13" der Anlass, auch musikalisch Komplexeres auszuprobieren. Vormittags war Schule, nachmittags Probe, fünf Tage die Woche. "Wir wussten nicht genau, warum, aber wir wussten, dass wir es so tun wollten", sagt Räuber. Es klingt nicht kokett. "Wir können nicht ohne Musik. Deswegen mussten wir zusehen, dass wir mit dieser Musik etwas erreichen."

Bis jetzt läuft es ziemlich gut. "Allein, allein" führt immer noch die Charts an. Es ist ein sehnsüchtiges, weit ausholendes Lied, das Filmorchester Babelsberg webt einen dicken Klangteppich, der Rammstein-Arrangeur Sven Helbig von den Dresdener Symphonikern hat die Libretti geschrieben. Dazu kommt ein brausender, tausendstimmiger Chor, der den Refrain des Lieds unterlegt. "Allein, allein", singt die Menge, ein echtes Publikum, aufgenommen bei einem Konzert in Dresden. Der Song sei ein Paradox, eine "Hymne auf die Einsamkeit", sagt Bauer. Die Band habe auf ihrer Tour in über hundert Städten gespielt. Da kämen nun mal Gefühle von Anonymität auf.

"Wir wollen ein Gefühl vermitteln"

An ihrem ersten Album hat die Band "vier, fünf Jahre lang" selbstständig gearbeitet, Räubers Dachwohnung diente als Tonstudio. Die Plattenfirma hat die Aufnahmen direkt übernommen, abgemischt und herausgebracht. "Beim zweiten Album wussten wir, dass wir schnell sein mussten, wir wollten diese Welle mitnehmen", sagt Räuber. "Deshalb haben wir nicht mehr nach Sounds, sondern explizit nach Songs gesucht." Ein Dreivierteljahr hat das gedauert. Aufgenommen wurde "The Colour of Snow" beim Notwist-Produzenten Mario Thaler im legendären Uphon-Studio im bayerischen Weilheim. "Es war eine Ehre, da aufnehmen zu können", sagt Bauer. Zumal das Studio nun geschlossen wird - Polarkreis 18 machen im Indie-Pop-Heiligtum sozusagen das Licht aus.

Keine einfache Rolle, die des Sahnehäubchens. Aber den Dresdenern mangelt es nicht an Selbstbewusstsein, ebenso wenig wie an künstlerischer Vision. Die strenge Corporate Identity der Band, die stets weiße Bühnenkluft, das - eben nicht von der Plattenfirma, sondern von Schlagzeuger Christian Grochau verantwortete - Artwork, der selbst produzierte "Klangfilm", der auf Konzerten läuft: Polarkreis 18 sind durchaus so etwas wie ein Gesamtkunstwerk. "Wir verstehen uns nicht als reine Musiker", bestätigt Bauer. "Wir wollen ein Gefühl vermitteln, und das über alle Medien, die uns zur Verfügung stehen."

Die immer wieder, auch im Albumtitel, beschworene Bildlichkeit von Schnee, Eis und Kälte ist dabei nicht nur die "direkteste Verbindung zum Bandnamen", sagt Räuber. Das Weiß funktioniert vor allem als Projektionsfläche. "Wir wollen uns als Band uniformieren und zurücknehmen, um Spielräume zu lassen." Klanglandschaften, Sehnsuchtswelten: Polarkreis 18 zelebrieren eine große, großartige Leere - und füllen sie mit Sound.

Heute um 21 Uhr spielen Polarkreis 18 im Waschhaus, Schiffbauergasse 6, Potsdam. Karten kosten an der Abendkasse 18 Euro. Nach ihrer Frühlingstour kommt die Band Ende 2009 nach Berlin.

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