Konzertvorschau : Wie klingt Gesundheit?

Auftritt der Woche: Am heutigen Montag laden die Rockband Slut und Juli Zeh zu einem musikalischen Hörspiel ins Programmkino Babylon Mitte.

Tina Gebler
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Immer schön entspannt. Slut greifen heute zu den Gitarren. Foto: promo

Die Gäste erwartet ein musikalisches Hörspiel. Eine „Schallnovelle“, wie die Musiker der Rockband Slut das im September auf Platte erschienene Klangbild ihres Science-Fiction-Romans „Corpus Delicti“ von Juli Zeh selbst nennen. Gemeinsam mit Slut wird die Schriftstellerin ihr Buch am heutigen Montag im Kino Babylon vertonen.

An Stefan Zweigs „Schachnovelle“ wollten sie aber nicht erinnern, sagt Slut-Sänger Christian Neuburger. Ein beklemmendes Gefühl stellt sich trotzdem ein. Die erfolgreiche Autorin („Spieltrieb“) beschreibt in Orwellscher Manier das Jahr 2057, in der die Menschen in einer Gesundheitsdiktatur leben, in der Rauchen strafrechtlich verfolgt wird. Die junge Mia Holl lehnt sich gegen das System auf, um zu beweisen, dass ihr Bruder, der wegen Vergewaltigung festgenommen wurde, unschuldig ist. An der staatlichen Kontrolle verzweifelnd begeht der aber im Gefängnis Suizid.

Auf der Bühne lesen Juli Zeh und einige Bandmitglieder beinahe theatralisch einzelne Textpassagen des Romans. Slut untermalen sie mit sphärischen, elektronischen Tönen. Außerdem haben sie sieben neue Lieder arrangiert, die ihrem 2001 erschienenen Album „Lookbook“ zu folgen scheinen. Da hatten Slut sich erstmals von eingängiger Rockmusik weg bewegt, elektronische Experimente gewagt. Nur Neuburgers melancholischer Gesang blieb. Schon damals wurden sie mit Größen wie Radiohead verglichen. Doch sie blieben ein ewiger Geheimtipp in der deutschen Indierock-Szene. Das wird sich mit diesem wenig massentauglichen Projekt nicht ändern.

„Die Arbeit mit Juli führte uns endlich wieder aufs Glatteis“, sagt Neuburger. Je planloser Experimente sind, desto mehr reizen sie ihn. Ihr 2008 erschienenes Album „Still No1“ hatte sich gerade abgespielt, als sie vom Verein Lesemusikzimmer angefragt wurden, mit Zeh zu arbeiten. Anstatt in einen Platte-Tournee-Platte-Trott zu verfallen, habe Neuburger „ziemlich blauäugig Hurra geschrien“. Eigentlich kann Neuburger mit moderner Literatur wenig anfangen. „Juli schreibt aber nicht modisch“, erklärt er. „Durch ihre vielfältigen Erfahrungen haben ihre Texte immer ein übergeordnetes Thema.“ Etwas Zeitloses, wie auch Slut es mit ihrer Musik anstreben. Deshalb war technoide Klischee-Zukunftsmusik gleich ausgeschlossen. Grundsatz ihrer Zusammenarbeit war es, aufeinander einzugehen. Zeh habe oft bemängelt, dass die Stücke an einigen Stellen heftiger sein könnten. „Wir mussten ihr die Kunst des Weglassens noch nahelegen“, so Neuburger. Slut hingegen hatten oft das Gefühl, Zeh würde zu wenig Text einbeziehen. „Wir arbeiteten wie Sportler, die einen Ball hin- und herstoßen.“ Wie sportlich, wie gesund.

- Slut und Juli Zeh treten am heutigen Montag ab 20 Uhr im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte auf. Karten kosten 18 Euro an der Abendkasse.

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