Konzertvorschau : Wünsch dir deinen Westernhagen

Zu seinem 60. Geburtstag spielt Marius Müller-Westernhagen die Lieblingssongs der Fans - sehr vieler Fans. In Deutschland hat er nur einen Konkurrenten.

Jörg W,er

Rund 10.000 jubelnde Fans sind bei einem Rockkonzert eine beeindruckende Zahl. Und doch hätte Marius Müller-Westernhagen eine derartige Kulisse vor neun Jahren wohl als Kränkung seiner Künstlerehre aufgefasst. Damals hat er, unter anderem im ausverkauften Berliner Olympiastadion vor fast 80.000 Zuschauern, seine letzte Stadiontour absolviert, mit der er ein beispiellos erfolgreiches Karrierejahrzehnt beendete.

Wenn der "dürre Hering" aus Düsseldorf Dienstagabend auf die Bühne der Max-Schmeling-Halle stürmt, erwartet die Fans indes nicht das normale Konzertbrimborium eines in die Jahre gekommenen Rockstars. Der "Birthday Bash", eine kleine Hallentour anlässlich seines kürzlich begangenen 60. Geburtstags, trägt den Titel "Wünsch dir deinen Westernhagen". Was bedeutet, dass die Fans per Abstimmung das Programm bestimmen durften. So steht die Setlist nicht wie gewohnt unter dem Motto wie "Ich stelle meine neuen Songs vor und spiele gelangweilt ein paar der alten Gassenhauer als Zugabe", sondern wandert die Stationen einer ebenso langen wie erfolgreichen Karriere entlang. Das reicht vom unverwüstlichen "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz" aus dem gleichnamigen 1978er Durchbruchsalbum über die rotzigen Ohrwürmer aus den Achtzigern wie "Sexy" und "Lady" bis zu dem Song, der MMW zum gesamtdeutschen Superstar werden ließ. Das kurz vor der Wende erschienene "Freiheit" wurde zur inoffiziellen Hymne der Wiedervereinigung, bei der sich Menschen aus Ost und West freudetrunken und bierselig in den Armen lagen. Westernhagen reüssierte als erster deutscher Rockmusiker in den Fußballstadien der Republik, die zuvor nur von internationalen Topstars bespielt wurden.

Sein einziger Konkurent: Ein Typ aus Bochum, der nicht tanzen kann

Der Verlauf von Marius Müller-Westernhagens Karriere verdeutlicht, wie sehr es auch auf außermusikalische Faktoren ankommt, wenn man die Erfolgsleiter erklimmen will. Westernhagens proletarisch-räudiger Bluesrock war Ende der Siebziger alles andere als hip, aber sein durch Filme wie "Theo gegen den Rest der Welt" untermauertes Rollenmodell als ehrlicher, leicht aufsässiger Kumpeltyp traf ein Zeitgefühl, das bis weit in die Mitte der Gesellschaft für Idenfikationspotenzial sorgte. Später nannte er sich nur noch Westernhagen und vollzog einen Imagewechsel hin zum Pop-Kosmopoliten im Armani-Anzug, den ihm seine Fans erstaunlich wenig übel nahmen.

Sein einziger Konkurrent in all den Jahren war dieser bleiche Typ aus Bochum, der nicht tanzen kann: Als könne es immer nur einen deutschen Superstar geben, gleichen die Karrieren von Westernhagen und seinem Antipoden Herbert Grönemeyer einer zeitversetzten Sinuskurve. Stand MMW im Rampenlicht der frühen Achtziger, löste ihn Grönemeyer um die Jahrzehntmitte mit seinem sensibleren "Männer"-Bild in der Gunst des Publikums vorübergehend ab. Die Neunziger mit ihrem konservativen Rollback waren wieder das Jahrzehnt von Softmacho Westernhagen, während der musikalisch experimentierfreudigere Grönemeyer der bislang erfolgreichste deutsche Popkünstler des 21. Jahrhunderts ist.

Die Wahl zwischen Westernhagen und Grönemeyer mag nicht den gleichen Glamourfaktor haben wie eine zwischen, sagen wir, David Bowie und Elton John, aber es hätte auch schlimmer kommen können: Das singende Freundschaftsarmband Wolfgang Petry war den beiden zwischenzeitlich hart auf den Fersen. Dass uns das erspart blieb, allein dafür: Danke, Westernhagen! Jörg Wunder

Dienstag, 20 Uhr, Max-Schmeling-Halle, die Karten kosten 69,50 €.

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