Kylie : Das Glückskind

"Hallo Berlin, wie gehts es euch?!" Kylie Minogue gibt ein atemberaubendes Konzert im Berliner Velodrom.

Christian Schröder
Kylie
Große Oper. Hat Kylie sich ihre Frisur von Gesine Schwan abgeguckt? -Foto: Davids

Es ist ein Moment der Erhabenheit an einem ansonsten weitgehend sinnfreien Abend. Die Geburt der Venus aus dem Wabern der Synthesizer und Trockeneisnebel. Vom Bühnenhimmel, auf den eben noch der Kopf einer indisch anmutenden Gottheit projiziert war, senkt sich ein gewaltiger Totenkopf herab. Majestätisch funkelt er im Geflacker der Scheinwerfer. Obendrauf sitzt Kylie Minogue, zu erkennen auch daran, dass auf der Hutkrempe ihres zwischen Fantasiemilitäruniform und Stewardessentracht oszillierenden Kostüms ein großes „K“ prangt. Sie singt „Like A Drug“, ihren mit ultratiefen Bässen aufgemotzten Neo-Eighties-Hit, in dem sie leicht sadomasochistisch den Geliebten anschmachtet: „Make me feel like I can make it real / You got me hooked, gettin' me on the floor.“

Oha, ganz schlimmer Unterwerfungssex. Und Gevatter Tod, der alte Schnitter, glotzt unbarmherzig aus den leeren Höhlen seines Silberschädels auf die Kylie-Fans hinab, die zu seinen Füßen frenetisch jubeln, tanzen, mitsingen. Sind wir nicht alle mitten im Leben, auch in seinen euphorischsten Momenten wie gerade diesem hier in dem mit achttausend Zuschauern nicht ganz ausverkauften Berliner Velodrom, vom Tod umfangen? Und weiß davon nicht besonders diese Sängerin, die nach erfolgreich überstandener Brustkrebstherapie nun mit der Tour zu ihrem zehnten Studioalbum „X“ ein Comeback feiert, ein Liedchen zu singen?

Der Ritt auf dem Totenschädel ist der Pathos-Höhepunkt der „Kylie X 2008“-Show, ihrer bislang größten und teuersten Konzertreise, die sagenhafte 13 Millionen Euro gekostet haben soll. Ein wenig erinnert die Szene an den letzten Skandalauftritt von Minogues ewiger Konkurrentin Madonna, die sich vor zwei Jahren bei ihrer „Confessions“-Tour singend an ein Kreuz gehängt hatte. Madonna gab die drahtig durchtrainierte Büßerin, Kylie Minogue hockt jetzt als Triumphatorin auf dem Inbild der Vergänglichkeit. Man kann das bedeutungsschwanger finden, vielleicht ist es auch nur banal. Auf dem schimmernden Metall des Schädels leuchtet Minogues lilafarbenes Dress, das ihr Jean-Paul Gaultier geschneidert hat, besonders schön.

Kylie Minogues Konzerte sind große Opern, bei denen die Musik eigentlich gar nicht so wichtig ist. Entscheidender ist die Inszenierung, wie die Diva auftritt, wann sie das erste Mal lächelt, wie sie tanzt, winkt und zwischendurch plaudert. Begleitet wird Minogue von einer neunköpfigen Band, die sie gegen Ende der zweistündigen Show zwar freundlicherweise vorstellt, der aber ansonsten nur ein Statistendasein am Rande des Bühnenbildes bleibt. Mehr Aufmerksamkeit bekommen die elf Tänzerinnen und Tänzer. Sie tragen mal Latex und Leder wie Madonnas S/M-Groupies, mal Baseballkluft und Cheerleader-Puscheln, mal japanische Samurai- und Geisha-Kostüme, tanzen Breakdance und Kasatschok und formieren sich immer wieder zu beeindruckenden Synchrontanzfiguren.

Der Abend beginnt mit einem Bombardement der Zeichen. Symbole und Buchstaben, Leonardos Körperschema und arabische Lettern sausen in Sekundenbruchteilen über die Videoleinwände, ein schnalzender House-Rhythmus setzt ein und Minogues Stimme besingt aus dem Off die Schöpfungsgeschichte: „Lights (Flashin) / Sound (Crashin) / Minds (Blowin) / Body (Rockin) Eyes (Lookin).“ „Speakerphone“ heiß das Stück, es gehört zu den besseren Nummern ihres fast durchgehend tanzbaren, eher inspirationsarmen Albums „X“. Dann ist die vor vier Wochen 40 Jahre alt gewordene Sängerin leibhaftig da, sie schwebt wie ein Weihnachtsengel auf einem goldenen Reifen zum Boden. Sieben Mal wechselt Minogue ihre Garderobe, und egal, ob sie – wie beim Auftakt – im Neo-Punk-Kleid mit aufgeschlitzter Brustpartie, im schlichten Matrosenkleid oder in einer Perlenketten-Bluse erscheint – jedes Mal sieht sie anders atemberaubend aus.

Minogue gehört zu den Pop-Superstars, doch dem Image des sympathischen Next-door-Girls ist die Australierin seit dem Beginn ihrer Karriere vor zwanzig Jahren treu geblieben. Während Madonna ihre Auftritte mit der eisernen Härte einer Hochleistungssportlerin absolviert, ist Minogue einfach Kylie geblieben, sie erinnert an ein großes Mädchen, das sich gern verkleidet. „Hallo Berlin, wie geht es euch?!“, ruft sie den Fans in holprigem Touristendeutsch zu. Die Dramaturgie des Abends hat einige Durchhänger – eine missglückte Adaption von Barry Manilows Musical-Hit „Copacabana“ etwa –, aber spätestens als die Sängerin nach der Pause – es gibt tatsächlich, wie im Theater, eine Pause – den Befehl „Your Disco Needs You“ ausgibt, tanzt die ganze Halle. Als Zugabe singt Minogue dann noch ihren Uraltknaller „I Should Be So Lucky“. Was ja auch stimmt. Sie ist ein Glückskind.

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