Leserdebatte : Berghain: Der beste Club der Welt?

Das Berghain ist zum besten Club der Welt gekürt worden. Was ist das Geheimnis seines Erfolgs? Und was meinen Sie? Ist der Superlativ berechtigt?

Nana Heymann
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Berghain.Foto: Caro

Es gibt bestimmt wesentlich entspanntere Möglichkeiten, seinen Abend zu verbringen als im Berghain, nicht aber aufregendere. Wer den Techno-Club am Wriezener Bahnhof in Friedrichshain besuchen will, für den stellt sich schon vorher eine bange Frage: Werde ich überhaupt reinkommen in diesen Laden, um den sich so viele Geschichten und Legenden ranken wie Efeu um ein altes Haus. Sven Marquardt ist eine dieser Legenden, metallbehangen, gepierct, tätowiert, und er entscheidet, wer mitfeiern darf und wer nicht. Wer an ihm vorbeikommt, für den öffnet sich hinter den grauen Betonwänden des ehemaligen Heizkraftwerkes aus den 50er Jahren eine Welt aus Rausch, Hemmungslosigkeit und Ekstase.

Die britische Zeitschrift „DJ Mag“ hat das Berghain gerade zum besten Club der Welt gekürt, noch vor Läden in London oder Ibiza. Sie führte eine Umfrage unter DJs durch, und diese stimmten mehrheitlich für den Laden auf dem ehemaligen Bahnhofsgelände zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße. Als wahre Pilgerstätte preist das Magazin den Club an, der schwedische DJ Joel Mull schwärmt vom Berghain als dem Tempel für Techno und House weltweit; sein britischer Kollege Paul Woolford bezeichnet es als Inspirationsquelle. Die Liste und Namen derer, die in der internationalen DJ-Szene von Rang und Namen und voll des Lobes für das Berghain sind, ließe sich an dieser Stelle noch ewig fortführen

Dass ihr Laden so viel Zuspruch erfährt, wird die Betreiber Michael Teufele und Norbert Thormann freuen. Wirklich darauf angelegt haben sie es jedoch nie. Schon zu Zeiten des Berghain-Vorgängers Ostgut, der sich bis Anfang 2003 auf der anderen Seite des Bahnhofsgeländes befand, galten sie als öffentlichkeitsscheu, gaben nie Interviews und äußerten sich auch sonst nicht zu ihren Plänen und Vorhaben, erklärten sich nie. Dabei hätten sie bestimmt viel zu erzählen. Denn mittlerweile ist das Berghain nicht mehr nur ein Techno-Club, sondern vielmehr ein Kulturzentrum. Hier finden Lesungen statt, Theateraufführungen, Konzerte und Tanzperformances. Der raue Industriecharme des Gebäudes bietet dafür eine ganz eigene Bühne.

Von der Masse der Berliner Clubs hob sich das Berghain seit seiner Eröffnung im Herbst 2004 ab. Den Eingangs- und Garderobenbereich ziert eine wandhohe Installation des polnischen Künstlers Piotr Nathan. Sein Kollege Marc Brandenburg stellte dem Berghain gerade erst Arbeiten zur Verfügung, die an Kirchenfenster erinnen und den kathedralenhaften Eindruck des Gebäudes unterstreichen. Und in der Panoramabar in der zweiten Etage hängen Fotografien von Wolfgang Tillmanns; ein Bild zeigt eine Frau, die ihre Beine spreizt und den Blick auf ihre nackte Scham freigibt.

Überhaupt ist Sex ein großes Thema im Berghain. Auf den Toiletten treffen sich Frauen und Männer, letztere bleiben oft und gerne auch unter sich. In den kleinen Séparées hinter der Panoramabar ziehen sich Paare zurück, wenn der Abend schon etwas fortgeschrittener ist und das Verlangen auch. Hinter der großen Tanzfläche auf der ersten Etage gibt es einen Bereich mit dunklen Gängen und abgeteilten Kabinen. Und im Erdgeschoss befindet sich das „Lab.oratory“ mit Liegeflächen, die durch Vorhänge abgetrennt sind. Wer hierher kommt, der will sich mit Sicherheit nicht ausruhen. Am vorigen Wochenende fand gerade erst wieder eine der größten Schwulenpartys Europas statt: der „Snax-Club“.

Auf Ruhe vor den späten Nachmittagsstunden des nächsten Tages brauchen auch die DJs nicht zu hoffen, die im Berghain auflegen. André Galuzzi gehört zum festen Kreis, ebenso wie Marcel Dettmann und Ben Klock. Die meisten von ihnen veröffentlichen auf dem hauseigenen Plattenlabel „Ostgut“. Aber auch aus den USA, Großbritannien und Frankreich kommen DJs angereist, um im Berghain auflegen zu können. Urgestein Carl Craig ist regelmäßiger Gast und auch Laurent Garnier. Miss Kittin stand in der Panoramabar schon an den Decks, ebenso wie Take-That-Mitglied und Gelegenheits-DJ Howard Donald. Und im clubeigenen Garten luden einst Inga Humpe und Tommi Eckart von 2raumwohnung zum Tanz. Legendär ist die Silvesterparty, bei der beide in der Panoramabar hinterm DJ-Pult standen.

Vielleicht besteht in eben dieser Mischung das Erfolgsgeheimnis des Clubs: Er lässt sich keiner Szene zuschreiben, er ist offen für alle Nachtmenschen, solange diese sich nur an seine Regeln halten, und 1500 Gäste pro Abend tun das offenbar. Hier wird keiner bevorzugt behandelt, bloß weil er prominent ist oder wichtig oder beides zu gleich. Popper, Raver, Heteros und Homos – alle sind hier willkomen. Wichtig ist nur, dass jeder einzelne seinen Teil zur großen Party, zum kollektiven Rausch beiträgt. Hier gibt es kein Gestern und kein Morgen, hier gibt es nur den Augenblick.

Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain. Am Samstagabend feiert das Berghain die Veröffentlichung seiner dritten Mix-CD. Beginn: 0 Uhr, Eintritt 12 Euro

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