Live in Berlin : 75 Minuten mit den Secret Machines

Bloß nicht zu spät kommen! Diese Band rockt pünktlich, auch am Wochenende und auch in Prenzlauer Berg. Vor allem: Sie rockt richtig gut. Nur leider zu kurz

Jörg W,er

Wenn man in Berlin als Besucher von Rockkonzerten versucht, die realen Anfangszeiten einzuschätzen, sind unbedingt die Auswirkungen von Murphys Gesetz („Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen") in die Überlegungen einzubeziehen. Wer sich etwa von der Vermutung leiten lässt, ein wochentags für 22 Uhr angesetztes Konzert werde bestimmt aus sozialer Verantwortung der arbeitenden Bevölkerung gegenüber halbwegs pünktlich beginnen, wird mit Beine-in-den-Bauch-stehen und überflüssigen Vorbands nicht unter zwei Stunden bestraft. Wenn man aber umgekehrt einen am Wochenende für 20 Uhr angesetzten Termin, noch dazu im Late-Night-Bezirk Prenzlauer Berg, für unrealistisch hält und sich fahrlässigerweise eine Dreiviertelstunde später am Ort des Geschehens einfindet, hat man garantiert schon das erste Konzertdrittel verpasst. So haben sich die Secret Machines am frühen Samstagabend längst in ihren majestätischen Neo-Prog-Rock eingegroovt, als immer noch verdatterte Nachzügler in den gut gefüllten Frannz Club strömen.

Sie langweilen nicht eine Sekunde

Es gibt ja gerade unter zeitgenössischen Ami-Bands durchaus eine gewisse Affinität zu den lange erzverpönten Klängen der frühen Siebziger: Gruppen wie die Flaming Lips, Mervury Rev oder … And You Will Know Us By The Trail Of Dead lassen sich durch den seinerzeit vom Punk weggefegten Klangbombast der Prog-Rock-Dinosaurier Yes, King Crimson oder Pink Floyd inspirieren. Kaum eine traut sich dabei aber so weit vor wie das ursprünglich aus Dallas stammende, heute in New York lebende Trio. Die Secret Machines strecken schon auf Platte beeindruckend epische Titel wie „The Walls are starting to crack" oder „The Fire is waiting" locker ins Viertelstundenformat, ohne dabei eine Sekunde zu langweilen. Impressionistisches Getupfe explodiert in minutenlange Lärmkaskaden, artistische Unisono-Passagen münden in zarte Gesangslinien von folkiger Einfachheit. Brandon Curtis‘ Stimme klingt heiserer als auf Platte, dafür drückt er umso entschlossener schwere Tontrauben aus seiner Orgel. Der neue Gitarrist Phil Karnats, Nachfolger von Curtis‘ kürzlich ausgestiegenem Bruder Benjamin, schraffiert labyrinthische Akkordmuster, die er durch ein Dutzend Effektgeräte jagt.

Er drischt zu, bis nur ein Wirbel aus Haaren und Gliedmaßen zu sehen ist

Der Blickfang ist aber Schlagzeuger Josh Garza: Zusammengekauert drischt er mit weit ausholenden Armen und fliegenden Locken auf sein Drumkit ein, bis nur noch ein Wirbel aus Haaren und Gliedmaßen zu erkennen ist. Seine physische Präsenz bewahrt die Secret Machines schon im Ansatz davor, in die gleichen Fallen wie ihre Vorgänger von über 30 Jahren zu tappen: Die Songs verlieren sich nie im Selbstzweckhaften, nie in triumphalistischen Gesten leerer Virtuosität. Obwohl sie auch großartige, kraftvolle Vierminuten-Kracher im Repertoire haben, nehmen sich die Secret Machines immer wieder die Freiheit zu spacigen Improvisationen, die Zeit- und Raumgefühl außer Kraft setzen. Nach nur 75 Minuten endet der Auftritt viel zu früh, die DJs der anschließenden „Tannz im Frannz"-Party drehen schon ungeduldig am Lautstärkeregler. Schade, man hätte dieser kundigen Forschungsgrabung durch verschüttete Schichten der Rockhistorie gern länger beigewohnt.

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