Lothar Zagrosek : Jäger des verlorenen Satzes

Lothar Zagrosek startet mit einem großen Fest in seine zweite Saison als Chefdirigent des Berliner Konzerthausorchesters.

Frederik Hanssen
Lothar Zagrosek
Lothar Zagrosek: Lust an der Improvisation. -Foto: Thomas Mayer

Berlin Obwohl Lothar Zagrosek ein bekennender Berlin-Fan ist, zögerte er zunächst. Dem 55-jährigen Bayer, der als Generalmusikdirektor an der Stuttgarter Staatsoper berühmt geworden war, bot das Konzerthausorchester den Posten des Chefdirigenten an. Aber er war sich nicht sicher, ob er nach sieben Karrierestationen als musikalischer Leiter noch einmal die Verantwortung für ein Orchester übernehmen sollte, mit allen administrativen und psychologischen Herausforderungen, die dazugehören. Wäre es nicht besser, als gern gesehener Gastdirigent um den Erdball zu reisen?

Letztlich war Zagroseks Gestaltungsdrang dann aber doch größer als die Verlockung des Klassik-Jetsets. „Ich bin halt ein Teamworker“, umreißt der asketisch schlanke Maestro mit dem Beckenbauer-Akzent seinen Künstlercharakter, „ich nehme viel auf von anderen, habe Spaß daran, langfristig zu denken und Veränderungsprozesse anzustoßen“.

So kam er im vergangenen August an den Gendarmenmarkt, fühlte sich vom Orchester wie auch von Konzerthaus-Intendant Frank Schneider mit offenen Armen empfangen, bezog eine Wohnung am Weinbergspark mitten im Prenzlauer Berg, wurde überzeugter U-Bahn-Fahrer, kurz: Zagrosek tauchte voll ein in den Hauptstadt-Rausch, der so viele Zugezogene erfasst.

Die einzige schmerzhafte Erfahrung, die Lothar Zagrosek in seiner ersten Spielzeit mit dem Konzerthausorchester machen musste, betraf die Berliner Presse: Obwohl er auch unter den Kritikern wegen seiner geistvollen Weltoffenheit viele Bewunderer hat, schlugen sich seine Auftritte wegen der großen innerstädtischen Konkurrenz nicht automatisch im Feuilleton nieder. Von Stuttgart war er das nicht gewohnt. „Da waren wir die Platzhirsche“, gibt er offen zu, um gleich anzufügen: „Das verpflichtete uns allerdings auch, alle Facetten des Repertoires anzubieten. In einer Stadt wie Berlin dagegen kann ich es mir erlauben, mein Programm ganz bewusst auf bestimmte Farben zu fokussieren.“

Zagroseks Ziel: Er möchte das Ensemble als „innovatives Orchester der Stadt“ profilieren, womit er keineswegs nur Uraufführungen meint. Wie die Musik der Gegenwart, die in seinem künstlerischen Kosmos immer ganz selbstverständlich dazugehörte, will Zagrosek die Frühklassik pflegen, auf modernen Instrumenten natürlich, aber – mit der „stilistischen Genauigkeit“ der Alte-Musik-Spezialisten.

Auf Mozart und Haydn seien seine Musiker sofort „angesprungen“, berichtet Zagrosek, mit Enthusiasmus hätten sie sich in die Arbeit gestürzt. In der Saison 2007/08 wird er diese Programmlinie deshalb einerseits mit sonntäglichen Mozart-Matineen fortführen, andererseits mit einem großen Projekt im Oktober und November, das drei Opern von Christoph Willibald Gluck umfasst. Dabei kommt Zagroseks zweites Steckenpferd ins Spiel – nämlich neue Konzertformen zu entwickeln: In dem Choreografen und Regisseur Joachim Schlömer glaubt er, für die Gluck-Trias den richtigen Partner gefunden zu haben, um eine noch nie gesehene Form der halbszenischen Aufführung zu entwickeln.

Auch das traditionelle Silvester-Ritual will er beim Konzerthausorchester in diesem Jahr aufbrechen. Am 31. Dezember gibt es einen Abend à la carte. Die Zuschauer können beim Ticketkauf wie im Restaurant aus einem reichhaltigen Menü diejenigen Stücke auswählen, die sie gerne hören wollen. Nur das amuse-geule steht bereits fest: Bernsteins appetitanregende „Candide“- Ouvertüre.

Hunger auf mehr soll auch das Orchesterfest zum Saisonstart machen: Der heutige Abend steht im Zeichen der goldenen Zwanziger, mit live gespielter Filmmusik, außerdem exemplarischen Werken von Eisler, Weill, Krenek, Schreker und Schönberg sowie dem Capital Dance Orchestra, das zum Tanz aufspielt. Eigeninitiative der Besucher ist zudem beim Publikumsorchester gefragt, einer speziell für den Anlass zusammengewürfelten Laientruppe, mit der Zagrosek die „Moldau“ proben wird.

Seine Idee, fürs Eröffnungsfest alle Stühle aus dem Parkett ausbauen zu lassen, kam 2006 zwar nur bedingt an – dennoch träumt der Maestro von Aufführungen im Geiste der Londoner Proms: „Damit meine ich nicht das Spektakel der last night, sondern die vorangehende Sommersaison der Royal Albert Hall, bei der ich gerade auf den Promenier-Plätzen im Innenrund stets ein wunderbares, unglaublich neugieriges, aufmerksames Publikum erlebt habe.“

Neugier ist überhaupt ein Schlüsselbegriff in Zagroseks Arbeit. Er sieht sich nicht nur als programmatischer Vordenker und Klassik-Missionar, der sich für nachhaltige Jugendaktivitäten engagiert, sondern auch als Jäger des verlorenen Schatzes: Immer ist er auf der Suche nach vergessenen Stücken bedeutender Komponisten, und er brennt darauf, auch den Berlinern trouvaillen wie Claude Debussys „Demoiselle élue“, César Francks „Variationen für Klavier und Orchester“ oder Strawinskys „Dumbarton Oaks“ nahezubringen.

Sogar das Schinkel’sche Konzerthaus, dessen Fassade er bei aller klassizistischen Schönheit als doch sehr hermetisch empfindet, möchte Lothar Zagrosek am liebsten aufsprengen – im übertragenen Wortsinn: „Hier am Gendarmenmarkt gibt es so viel Laufkundschaft, Berliner wie auswärtige Gäste, denen ich zeigen möchte, dass unser Musentempel ein offenes Haus ist.“ Er habe da neulich auf Sizilien einen Bildhauer kennengelernt, der riesige Findlinge in Kunstwerke verwandelt, schwärmt der Dirigent. Wenn davon mal einer auf der großen Freitreppe „einschlagen“ würde, das wäre doch ein Hingucker.

Saison-Eröffnungsfest im Konzerthaus heute um 20 Uhr.

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