Lou Reed : "Lauter, lauter, lauter"

Immer mehr als ein Musiker: Lou Reed war immer zu nomadisch, um irgendwo anzukommen.

Kai Müller
Reed
Lou Reed bei seinem Konzert in Amsterdam. -Foto: dpa

Unter den Heiligenfiguren der Popkultur ist er der Antichrist, der Gegengott. Weshalb ihn viele für einen großartigen Musiker halten. Aber das stimmt nicht. Lou Reed ist immer mehr als ein Musiker gewesen. Und weniger. Als Ekstatiker, der sich am Klang verzerrter, übersteuerter E-Gitarren berauschte und brutal-psychedelische Klangflächen malte, fand er im Rock ’n’ Roll seine Heimat. „Am besten“, riet er einmal, „steckt man seinen Kopf in den Lautsprecher. Lauter, lauter, lauter.“ Andererseits war Lou Reed immer viel zu nomadisch, um irgendwo anzukommen. Er hat Hits wie „Walk On The Wild Side“ aus dem Ärmel geschüttelt und David Bowie verprügelt, als der die Idee aufbrachte, an den einmaligen Erfolg mit einem weiteren Popalbum anzuschließen. Die Eskalation war seine Form der Revolte. Bis er müde und ausgelaugt davon abließ, sich immer wuchtigere, verkommenere Spielarten auszudenken, und zum Kunsthandwerker wurde. Seine Dämonen versucht er nun mit Streicher-Arrangements und literarischen Vaterfiguren wie Edgar Allan Poe zu besänftigen („The Raven“). Oder, indem er sich selbst wie einen Klassiker der Rock-Geschichte behandelt – aus Trotz, da ihm die Ehre der „Rock’n’Roll Hall of Fame“ bislang versagt blieb.

Vor Jahren spielte Lou Reed als sein bester Interpret das avantgardistische Lärm-Manifest „Metal Machine Music“ nach, nun widmet er sich mit einem Konzert im Berliner Tempodrom erneut einem frühen Konzeptalbum. „Berlin“ entstand 1973 und erzählt die Geschichte zweier Drogenjunkies in der Mauerstadt, es streift Themen wie Kindesmissbrauch, Prostitution, Tablettensucht und Selbstmord und wurde vom „Rolling Stone“ als so anstößig empfunden, dass man es nur mit dem hilflosen Akt eines Mannes entschuldigen könne, der seine einst viel versprechende Karriere um jeden Preis zerstören wolle. Gewiss, es hat seinen Reiz, der Aufführung dieser Platte an dem Ort beizuwohnen, der dem Musiker als imaginäre Kulisse – und Metapher für eine hinfällige Welt – zur Inspiration gereichte. Auch wenn diese Vision schon damals nicht stimmte. Andererseits hat „Berlin“ es nie in den Kanon stilbildender Werke geschafft.

Die schwarze Kraft, die von Lou Reed ausgeht, kennt keine Mäßigung. Sie ist immer mehr als eine Pose gewesen. Und weniger. In Lou Reeds Musik ist Verachtung zu Klang geworden. Und nichts lässt einen so sehr darum bitten, dass es nicht wahr ist, wie die Zurückweisung. Von Kai Müller

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