Lou Reed live in Berlin : Dem Mythos entkommen

1973 nahm Lou Reed seinen Song-Zyklus "Berlin" auf, eine düstere Hommage an die Hauptstadt. 33 Jahre später wagt er sich erstmals auf die Bühne damit, im Berliner Tempodrom.

Christina Denz[ddp]

Berlin"Berlin" ist Rockgeschichte. Und Lou Reed zeigt im Berliner Tempodrom, was man mit Geschichte gewordenen Rock-Songs heutzutage anstellen kann. Erstmals spielt er seinen Song-Zyklus "Berlin" von 1973 live in der Stadt seiner düster-tragischen Hommage. Als Zugabe gibt es "Sweet Jane", "Satellite of Love" und "Walk on the Wild Side". Eine Oldie-Nacht ist es dennoch nicht. Mit Ironie und der neuen Interpretationen seiner "Hits" weist der 65-Jährige den Verdacht der Mythologisierung zur Begeisterung seiner Fans weit von sich.

33 Jahre hat es gedauert, bis Reed seine Konzeptplatte "Berlin", die nach Erscheinen zunächst auf wenig Gegenliebe gestoßen war, überhaupt komplett live präsentiert. Im vergangenen Jahr war in New York Premiere. Jetzt tourt er mit den Songs durch Europa. Nach der großen Nachfrage zum Berliner Konzert hatten die Veranstalter noch kurzerhand einen Auftritt in Düsseldorf dazwischen geschoben. Aber die Augen blieben auf Berlin gerichtet.

Unprätentiös, aber von viel Applaus begleitet betritt Reed dann im Tempodrom mit seinen Musikern die Bühne. Der kleine Mann in T-Shirt, Jeans und Turnschuhen eröffnet das Konzert ohne Ansage und ohne die dunkle Sonnenbrille, mit der er sich über Jahrzehnte als Rock-Star kennzeichnete. Sein erstes Stück ist "Sad Song", eineInstrumentalversion des Titels, der die LP beschließt.

Reed setzt auf Eindringlichkeit und Emotionen

Die Bühne hinten begrenzt ein mit Bäumen skizziertes Bild von Reeds Freund Julian Schnabel. Darüber flimmern während des "Berlin"-Auftritts Aufnahmen von Parties und Familienfeiern, später von Entgleisungen, Verzweiflung, Kälte, Schmerz. "This is the place where she cut her wrists", heißt es in "The Bad".

Es ist der Duktus des Brüchigen, es sind die lauten krachigen Gitarrensoli, die hin und wieder verschroben gesetzten Rhythmen gegen gleichförmig-simple vier Viertel-Schemen, die Reed bei der Neuinterpretation seiner Songs in den Vordergrund rückt. Viel häufiger als in der Aufnahme von 1973 wagt er sich in seinen Gesangsparts in brüchiges Falsett, verändert die im Original eher trockenen Melodiebögen und Phrasierungen zugunsten von Eindringlichkeit und Emotion. Manche Songs wie "Man of good fortune" sind eher an den rhythmischen und harmonischen Figuren als an der Melodie zu erkennen, manche, wie die Abschlussnummer "Sad Song" führt
er zum orchestralen Rock-Coda. (mit dpa)

Reed hatte vor dem Konzert in einem Interview angekündigt, dass er "Berlin" rockiger präsentieren werde als auf der Platte. Unterstützung auf der aktuellen Tour erhält er dabei neben dem New London Children Choir und Mitgliedern des London Metropolitan Orchestras unter anderen von Gitarrist Steve Hunter, Bassist und Sänger Fernando Saunders und Sängerin Sharon Jones.

Wenig Avantgarde, mehr Bruce Springsteen

Dabei klingt das Ensemble gar nicht mehr nach der New Yorker Avantgarde, unter deren Eindruck Reed in den 60er Jahren mit Velvet Underground im Umfeld von Andy Warhols "Factory" angetreten war, bevor er solo weitermachte. Statt dessen erinnern Riffs und Instrumentalisierung sogar manchmal an die Scorpions oder den frühen Bruce Springsteen.

Aber Reed schafft damit das genaue Gegenteil von konservierter Rock-Sentimentalität. Wo früher Coolness die Maßgabe seiner Zeit war, sind es heute Ausdruck und Emotion. Damit erreicht Reed, was vielen Musikern nicht gelingt: Eine zeitgenössische Weiterentwicklung des eigenen Materials.

Noch deutlicher tritt dieses Konzept bei den drei Zugaben hervor, die Reed nach kurzer Pause zur Begeisterung des überwiegend älteren Publikums an "Berlin" anschließt. Dabei überlässt er den Leitgedanken der Interpretation ganz seinen Musikern, teilt förmlich mit ihnen die Songs: "Sweet Jane" wird von Jones' Soulsstimme geprägt, Saunders intoniert "Satellite of Love" mit klarer, fester Kopfstimme und der Kinderchor kommt bei "Walk on the Wild Side" zum Einsatz: "And the girls go doo, doo-doo, doo-doo, doo-doo-doo ...".


 

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