Pop : Macht euch mal fertig

Eine Welt ohne Parolen ist – "Soundso": das dritte Album von Wir sind Helden

Kai Müller
Wir sind Helden
Foto: Promo

Die Band ist jetzt wieder an dem Punkt, wo nur Üben weiterhilft. Sie hat sich in den verwinkelten, heruntergekommenen Studiokomplex des ehemaligen DDR- Rundfunks an der Spree zurückgezogen. Dort sitzen Sängerin Judith Holofernes, Bassist Mark Tavassol, Pola Roy am Schlagzeug sowie Gitarrist und Keyboarder Jean-Michel Tourette im Kreis und spielen ihre neuen Songs. Kabel schlängeln sich über den Boden. Eierpappe wölbt sich vor den vergitterten Fenstern. Mit einer Band, die in einer Garage ihr Repertoire probt, hat das nichts zu tun. Wir sind Helden, zu denen sich nun auch Bläser und ein Keyboarder gesellen, sind durch Ohrstöpsel miteinander verbunden. Die Verstärker wurden zur Wand gedreht, um den Klang nicht zu verfälschen. Holofernes hat ihre Gitarre auf dem Schoß, singt „Sie wissen genau, wer du bist“, was von den Männern im Chor mit „Du bist uns so einer/ So gut kennt dich keiner“ beantwortet wird.

Der Song heißt „Soundso“ und ist das Titelstück der morgen erscheinenden dritten Wir-sind-Helden-CD. Er beginnt mit einer jauchzenden E-Gitarrenfanfare, für die Tourette aber noch ein spezielles Effektgerät fehlt, und geht so unbestimmt weiter, wie es der Titel suggeriert. Ein typischer Wir-sind-Helden-Song eben: übersichtlicher Beat, klare Akkordwechsel, der abgemilderte Schmerz einer Einsamkeit, deren sanftmütige Hüterin Holofernes ist. Ein Song zum Mitsingen und Eintauchen, der so oder so niemandem wehtut. Eine Hymne des Ungefähren, wie gemacht für die großen Sommerfestivals, auf denen Wir sind Helden als Hauptattraktion auftreten werden.

Aber irgendetwas stimmt nicht mit dem Keyboard. Dessen Klang sei zu dominant, findet Tavassol. Und er muss es wissen. Er hat den Song komponiert. Diese Band gewähre dem Einzelnen nicht viel Bewegungsfreiheit, sagt Tourette ohne Bedauern. Pop ist ein strenges Regime. Oft genug hätten sich die Musiker ausgetobt, finden sie, hätten sich der Überwältigung durch große Menschenmengen hingegeben und geglaubt, eine Platte aufzunehmen, reiche an Spielpraxis aus. Applaus macht gefällig. Beinahe vorsätzlich haben sie sich nun „Sachen ausgedacht, die wir nicht so gut spielen können“.

Wenn man sie hier so sitzen sieht, die Instrumente auf den Knien wie bei einer Unplugged-Session, fällt es schwer, sich vorzustellen, dass es ihnen Mühe gemacht hat, all diese Lieder zu erfinden. „Wir haben immer zu viele Ideen“, sagt Pola Roy. „Meistens hat jemand von uns zu Hause ein Demoband aufgenommen, das auch die Parts der anderen schon mehr oder weniger vollständig enthält, und spielt es bei einer Bandsitzung vor. Aus 40 bis 50 Skizzen wurden schließlich 25 ausgewählt.“ Wie üblich hat Judith Holofernes sie auch diesmal wieder mit Text und Bedeutung versehen. Wobei auf „Soundso“ ihr Hang zu überspannten Sprachspielen („Die Verletzten sollen die Ärzte sein“) und ermüdenden Endreim-Kaskaden noch stärker in den Vordergrund rückt. An den Texten wird am ehesten das Bestreben der Band deutlich, Gewichtiges zu sagen, ohne Leichtigkeit einzubüßen.

So hebt die neue Platte gleich mit dem Ungetüm „(Ode) An die Arbeit“ an. Das Thema liegt auf der Straße, Holofernes hat es lange mit sich herumgeschleppt. Erst, als sie es als Zwiegespräch anlegte und die Wortbedeutungen einfach herunterdeklinierte, platzte der Knoten, war „Arbeit“ plötzlich etwas, das keine Arbeit mehr machte. „Mich interessierte die innere Logik des Begriffs“, erklärt Holofernes, „und wie wir es schaffen, uns mit ihm fertigzumachen.“ Trotzdem befördert der Song ein Unbehagen, das durch den funkigen Beat, die bratzenden Synthie- Sounds und die „alberne Herangehensweise“ (Holofernes) eher noch bestärkt wird. Denn diese Musik ist herzlos. Sie beteuert Engagement, wo sie sich von ihrem Sujet erst mal demonstrativ distanziert.

Der Band wird ja oft vorgeworfen, sie pflege zur Popmusik eher ein technisches Verhältnis denn eine Liebesbeziehung. Ihr Versprechen an all jene, die sich ihrem nicht abbrechenden Strom unverschämt eingängiger Songs verbunden fühlen, sei zu ausgewogen. So geißelte die „Spex“ zu Recht die „schmuse-postlinke Haltung, die sich mit dem Kapitalismus halb ironisch aussöhnt“. Und der „Musikexpress“ steckte das Quartett mit Wohnsitzen in Berlin, Hannover und Hamburg in graue Business-Anzüge und zeigte sie als Manager des eigenen Erfolges (Überschrift: „Leistung durch Leidenschaft“). Es ist wahr, dass Wir sind Helden viel zu bewusst mit sich selbst umgehen, um Popmusik als Überdruckventil und selbstvergessen seine Standpunkte behauptendes Vergnügen zu empfinden.

Dabei ging die Band, die 2003 mit der „Reklamation“ ohne Plattenvertrag und mit selbst gedrehtem Video in die Hitparaden stürmte, es diesmal deutlich gelassener an. Vergessen die Versagensängste nach dem Debüt, als man glaubte, wie Mark Tavassol sagt, „dass uns der Erfolg nicht zusteht und nur zufällig ereilt hat“. Judith Holofernes und ihr Lebensgefährte Pola Roy bekamen ein Kind, ordneten ihren Haushalt neu und schrieben „Stiller“, ein Song gewordenes Gedicht über den Mangel an Worten, „weil das Herz aller Gedanken aus Blei ist“. Babypause wird man zu dem Intermezzo nicht sagen können. Denn die kreativen Kraftwerke, Tavassol und Tourette, die als Technikfreaks für den größten Output sorgen, blieben unermüdlich.

Die Band bricht ab: „Ich brauche etwa zehn Minuten“, sagt Holofernes in die Runde ihrer Kollegen hinein, nachdem ihr zugeflüstert worden ist, dass Dringenderes auf sie wartet. Nebenan, außer Hörweite, lässt sich ihr Sohn vom Kindermädchen nicht länger beruhigen. Damit die anderen nicht warten müssen, speist die Festplatte Judiths Gesang ein – ein muttergerechter Arbeitsplatz.

Die letzte Platte „Von hier an blind“geriet in den Sog des vorgezogenen Wahlkampfs. „Gekommen, um zu bleiben“ wurde als Leitspruch von nahezu allen Parteien adaptiert (gegen den Willen der Band). Diesmal geben Themen wie Krieg, Klimawandel, Mindestlohn und Terrorhysterie die politische Großwetterlage vor, und wieder findet sich für jedes ein neues Helden-Lied. „Kaputt“ spielt auf die seelische und soziale Verelendung am unteren Gesellschaftsrand an, „Endlich ein Grund zur Panik“ spiegelt die medial verstärkten Verunsicherungsstrategien und fragt, wie viel von dieser Enthemmung wir in uns selbst tragen. Mit „Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst“ haben sie einen veritablen Friedenssong geschrieben. Aber der wichtigste und am meisten mitreißende Song heißt „Die Konkurrenz“. Darin geht es um die Unausweichlichkeit von Neidgefühlen. Diagnose: Immer gibt es einen, den man weggedrückt hat, um dort zu stehen, wo man ist.

Es ist charakteristisch für die Helden und die Generation, an die sie sich wenden, dass sie von Gefühlen reden statt von Sachzwängen. Ihre Platte ist eine Echokammer des Zeitgeistes. Mehr kann man von einer Popplatte, die eine Popplatte sein will, nicht verlangen. Zudem passt „Soundso“ damit in den Sommer der G-8-Debatten und „Live Earth“-Euphorie. Und natürlich haben sich die vier genau überlegt, wie sie sich verhalten. In Rostock wird die Band auf dem Familienfest spielen. Das passt. So oder so.

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