Maximo Park : Liebe in Aspik

Klassiker des Britpop: Maxïmo Park wollen mit "Our Earthly Pleasures" für alle da sein.

Kai Müller
Maximo Park
Maximo Park.Foto: promo

Er werde jetzt gelegentlich in Pubs seiner Heimatstadt Newcastle angesprochen, erzählt Paul Smith von Leuten, die ihm sagten, dass ihnen seine Musik sehr viel bedeute. "Aber dann", fährt der Maxïmo-Park-Sänger fort, "sagen sie mir mit aggressivem Gesichtsausdruck, dass sie selbst in einer Band spielen und es mir bald zeigen werden. Ich kann die Haltung verstehen, aber von meiner Warte aus ist sie ziemlich beschissen."

Was sagt uns das? Dass Paul Smith trotz 500 000 verkauften Alben des Maxïmo- Park-Debüts "A Certain Trigger" ein normaler Bursche geblieben ist, der sich noch immer in heimischen Pubs herumtreibt. Dass 500 000 Alben nicht ausreichen, um wirklich ein Star und unantastbar zu sein. Und: Dass Smith und seine vier Mitstreiter es allen anderen zeigen werden.

Heute erscheint das zweite Album der Band aus dem abgelegenen Nordosten Englands. Und um es gleich zu sagen: Unter den vielen Zweitwerken von britischen Gitarrenbands, die in diesem Jahr herauskommen, ist "Our Earthly Pleasures" bislang das kompletteste, rundeste, am besten gemachte und ökonomischste - ein Klassiker des neuen Britpop. Aber auch ein Album, an dem sich die Geister scheiden werden. Denn was vor drei Jahren mit Franz Ferdinands "Take Me Out" so ungestüm begann, sich mit Maxïmo Parks "Apply Some Pressure" zur ,Welle' auswuchs und der Rockmusik Schärfe, Unmittelbarkeit und den tanzbaren Beat zurückgab, erreicht hier den Gipfel der Kunstfertigkeit. Die Platte trägt die Handschrift von Produzent Gil Norton, der die dynamischen Spannungsbögen der Pixies und die Härte der Foo Fighters zu steuern verstand, aber hier mit Material reinsten Pops konfrontiert wurde. So strahlt "Our Earthly Pleasures" bei aller Souveränität eine gewisse Kühle aus. Nicht, dass es die Berechenbarkeit der Songs wäre, die als Makel auf sie zurückfällt. Pop muss verlässlich sein, das macht den Reiz aus. Auch dass die meisten Riffs und rhythmischen Kniffe einem bekannt vorkommen - geschenkt. Diese Band bildet die Quersumme all dessen, was den Britpop gegenwärtig groß und anregend macht - und sie weiß das auch.

Das ist das Problem. Mit der Größe der Konzertsäle haben auch die Songs von Maxïmo Park an Volumen gewonnen, aber irgendwas ist nicht mitgewachsen. Die meisten Ideen sind bei Soundchecks entstanden und geprägt von der Erfahrung, dass sie für immer wuchtigere Räume taugen. So hält man nun den auf CD gepressten Wunsch der Musiker in der Hand, Pop-Hymnen zu schreiben, die auch genau so klingen. "Some people hide their emotions, and some people show too much", heißt es programmatisch, "I'm aiming for somewhere central, now isn't it obvious?" Das, worum es geht, ist nicht mehr an den Rändern zu finden, in den exaltierten Posen der Nachtschwärmer und verkümmerten Gefühlen der Außenseiter. Hier geht es darum, für alle da zu sein. Raus aus der 500 000-Nische!

Das Leben der fünf Burschen aus der Werftarbeiterstadt, aus der die Animals, Dire Straits und Sting hervorgingen, ist vom Hype um ihren Pop-Entwurf unberührt geblieben. Sie sprechen in ihren Songs noch immer von Alltagsdingen, von Verkehrsadern, die wie Todesstreifen durch die Stadt schneiden, von Erinnerungen an Mädchen mit Gitarren, die sich später nicht schuldig fühlen, und sie zeigen sich in ihrer Vorabsingle "Our Velocity" erstaunt ob der Schnelllebigkeit, die ihr Dasein fortschwemmt, durchlöchert und empfänglich macht für trübselige Gedanken ("I've got no-one to call in the middle of the night anymore"). Immer wieder kreisen Songs wie "Books From Boxes", "By The Monument" oder "Parisian Skies" um Liebesdinge. Auch da geht es drunter und drüber - Betrug, Verlust -, aber Grund zur Verzagtheit gibt es nicht. "Sind wir zu weit gegangen?", fragt Smith einmal, "Did we go too far? Is that why your nose is bleeding/ Last night I dreamt we kissed on a bench in the evening." Statt Sex und nasser Lippen begnügt sich dieses Liebesspiel mit biederen Fantasien oder Körpern, die "wie in Gel" nebeneinander liegen.

Das ist weniger der erlebnissatte Realismus eines Hemingway als vielmehr F. Scott Fitzgerald, den Paul Smith zu seinen Helden zählt. Im sublimen Reiz der Doppeldeutigkeit liegt die Popstrategie der Band begründet, die immer ein wenig klüger wirkt als andere. Das mag damit zusammenhängen, dass Smith zur Band stieß, als diese sich mit Gitarrist Duncan Lloyd, Lukas Wooller an den Keyboards, Tom Englisch am Schlagzeug und Archis Tiku am Bass bereits formiert hatte. "Ich hatte gar keinen Ehrgeiz zu singen", erklärt Smith seine anfängliche Skepsis, "weil ich nichts besonders Originelles zu erzählen hatte. Und ich finde, dass ein Frontmann entweder etwas zu sagen haben oder überhaupt still sein sollte."

Was tun? Mit Smith wählte die Band, benannt nach einem Treffpunkt kubanischer Revolutionäre, das Maskentheater. Seine Vorliebe für alte Anzüge und Herrenhüte prägte fortan ihr Erscheinungsbild. Sämtliche Cover der Debütkampagne zierten Bilder im Robert-Longo- Look: verrenkte Körper, eingefroren in der Extase des Tanzes, denen das Elementare ihrer Existenz geraubt worden war.

Auf das Cover zu "Our Earthly Pleasures" hat der ehemalige Kunststudent und Kontrollfreak Smith nun das Foto eines Paares gesetzt, das dem Künstlerduo Rong Rong & inri ähnelt und wie seine eigene Installation wirkt: Sie legt dem Mann eine Hand auf die Schulter - was den Auftakt für eine Reihe ähnlich zärtlicher, abstrakter Zuneigungsgesten bildet.

Wärme, Nähe und Distanz sind die Dauerthemen der Band, die wie kaum eine andere an der emotionalen Architektur ihrer Songbilder feilt. "Das Ziel ist", erklärt Smith der "Spex", "stets mehrdeutig zu bleiben. Es gibt so viele richtige Wege, eine Sache zu erklären." So besteht das Kunststück von Maxïmo Park darin, das Egalitäre der Gegenwart in seiner zugespitzten Pop-Variante nicht in Beliebigkeit münden zu lassen. Immer, wenn Maxïmo-Park-Songs nun mit einer Keyboard-Figur beginnen (mehr Pop heißt: mehr Piano), donnert die Band mit verzerrter Gitarre und ballerndem Bass darüber hinweg. Diese Rockmusik absorbiert Stimmungen und Empfindungen wie das Vakuum, das sie schildert. "I fell in love with flirtation", heißt es dazu in "Sandblasted And Set Free". Verliebt in den Flirt, seien sie bewegliche Schießscheiben, die man wieder aufstellen kann - für die flüchtige Sensation.

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