Mick Hucknall im Interview : Musik für den Durst

"Was ich nächstes oder übernächstes Jahr machen werde – keine Ahnung." Mick Hucknall über den Abschied von Simply Red, Fußball und Oasis.

Manchester-Boy im Dreiteiler. Simply-Red-Sänger Mick Hucknall.
Manchester-Boy im Dreiteiler. Simply-Red-Sänger Mick Hucknall.Foto: Promo

Mr. Hucknall, mit Ihrer Band Simply Red haben Sie weltweit 50 Millionen Platten verkauft. Warum gehen Sie jetzt auf Abschiedstour?

Weil das, was ich mit Simply Red gemacht habe, musikalisch ausgereizt ist. Wir wiederholen uns, das will ich nicht. Simply Red haben den Sound der 80er und 90er mitgeprägt. Darauf bin ich stolz. Aber an dem Punkt, an dem wir angekommen sind, ist es an der Zeit, etwas anderes zu machen.

Was schwebt Ihnen vor?

Etwas, das vom frühen Soul und R’n’B der fünfziger und sechziger Jahre geprägt ist. Ich möchte (Hucknall klatscht rhythmisch in die Hände wie bei einem Gospelgottesdienst) Musik machen, die einem gar keine andere Chance lässt, als gut drauf zu sein. Musik, zu der man tanzen muss oder Durst auf ein Bier bekommt. Good time music eben.

Und warum geht das nicht unter dem alten Namen?

Als ich „Tribute To Bobby“, meine Hommage an den Soulsänger Bobby Bland, bei einem Radiosender vorstellte, sagten die: ,Ganz schön, aber das klingt nicht nach Simply Red.’ Da war mir klar, wie einen der Erfolg einschränken kann. Wenn die Leute erwarten, dass Simply Red immer nach Simply Red klingt, fragt man sich schon, ob man jetzt dazu verdammt ist, nur noch sich selbst zu wiederholen.

Aber Sie machen mit den gleichen Musikern weiter?

Die sind einfach zu gut. In der aktuellen Besetzung arbeiten wir seit 1998 zusammen. Die verstehen mich, ich verstehe sie. Im Übrigen will ich auch gar nicht so weit vorausplanen, wie das die letzten Jahre mit Simply Red der Fall war. Fest steht nur, dass wir uns in diesem Jahr mit einer großen Tournee verabschieden und dann kommt das Solo-Projekt. Was ich nächstes oder übernächstes Jahr machen werde – keine Ahnung. Aber genau das ist es, was mir an meiner neuen Situation so gefällt.

Das gefällt Ihnen?

Aber sicher. In meinem Beruf läuft es doch so, dass man immer auf mindestens zwei Jahre im Voraus verplant ist. Man nimmt eine Platte auf, anschließend geht man auf Tour. Dann geht’s wieder ins Studio, anschließend tourt man. Ehe man sich’s versieht, verstreichen so Jahrzehnte. Dass das bald anders sein wird, ist für mich Luxus. Die Freiheit nicht zu wissen, was sein wird.

Dann haben Sie auch mehr Zeit für andere Dinge. Was ist Ihnen nach der Musik am wichtigsten?

Schwer zu sagen. Der Fußball und mein Club Manchester United sind sicherlich das, was mich schon am längsten bewegt. Ich war acht Jahre alt, als ich das erste Mal zu einem Spiel von ManU ging. Meine Onkels nahmen mich damals mit. Seitdem bin ich Fan.

Dann haben Sie noch Bobby Charlton und George Best auf dem Spielfeld erlebt.

Ich hatte sogar das Glück, beide kennenzulernen. Bobby Charlton gehört heute zu meinen Fußballfreunden. Auch Georgie Best war ein Freund – bis er wieder mit dem Alkohol anfing und kaputtging. Ich bin auch eng mit dem Trainer Alex Ferguson befreundet. Wenn es für ManU nicht so gut läuft, schicke ich ihm auch mal eine SMS, um ihn aufzumuntern.

Woher kommt eigentlich das legendär schlechte Verhältnis zwischen Ihnen und der englischen Presse?

Am Anfang meiner Karriere hatte mich die rechte Presse auf dem Kicker, weil ich gegen Thatcher war. Später kamen die Angriffe von links, weil Simply Red manchen zu populär war. Seit einigen Jahren herrscht in den Medien eine Atmosphäre des Mobbings. Schauen Sie sich die sogenannten Casting-Shows an. Da geht es darum, Leute bloßzustellen. Wie da mit Menschen umgegangen wird, färbt auf unsere Gesellschaft ab.

Sie haben aber auch ganz schön ausgeteilt. Etwa gegen Noel und Liam Gallagher von Oasis.

Das ist etwas anderes. Das hat mit dem, was ich eben kritisiert habe, nichts zu tun. Mich hat gestört, dass die beiden ständig das Klischee vom herumpöbelnden Proll aus Manchester bedienten. Sie tun so, als ob jemand, der aus der englischen Arbeiterklasse stammt, zu nichts anderem qualifiziert sei. Das regt mich auf, weil Mick Hucknall, der Junge aus Manchester, selbst aus einer armen Arbeiterfamilie stammt. Trotzdem hat er studiert und ist erfolgreich. Ganz ohne Pöbelmasche. Die ist für mich so fragwürdig wie der Begriff „Champagner-Sozialist“, den man mir immer wieder an den Kopf wirft. Soll es Arbeiterkindern verboten sein, Karriere zu machen und reich zu werden?

Das Gespräch führte Claus Lochbihler. Simply Red spielen am 13. 11., um 20 Uhr in der O2 World.

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