Miss Kittin : Suche nach einem Leben jenseits der Clubs

DJane Miss Kittin hat ein neues Album herausgebracht. Darin entdeckt sie ihre Fähigkeiten zum Gitarrespielen und Singen und findet auf diese Art zu sich selbst.

Markus Hesselmann

Die Nacht gehörte ihr. Doch sie war ihr nicht genug. Miss Kittin hat sich davongemacht aus Dunkelheit und künstlichem Licht. „Bat Box“, das neue Album der 34-jährigen Französin, ist ein Werk des Übergangs, der allmählichen Aufhellung, ein Fast-schon-Tagwerk, das von der Suche einer erfolgreichen DJane nach einem Leben jenseits der Clubs erzählt.

Caroline Hervé alias Miss Kittin hat genug von der Hetze um den Globus, dem Leben zwischen Turntable und Check- In. Sie hat die Welt gesehen und die Heimat gefunden. Nach Jahren im Ausland ging Caroline Hervé zurück nach Frankreich. „Ich bin nach Paris gefahren, um nicht immer nur dasselbe zu machen“, sagt sie. „Ich habe Freunde besucht und bin geblieben. Das Leben hier ist so normal für mich.“ Wunderbar normal. „Ich wollte mich langweilen, vor dem Fernseher sitzen, E-Mails schreiben, lesen, im Schlafanzug, mit Socken.“

Aber sie wollte auch ihre Karriere „auffrischen“. Was dabei herauskam, ist alles andere als schläfrig. Etwas zum Laut- und Hinhören. Es stampft, es sägt, es raschelt von Beginn an und das Programm des neuen Albums wird gleich mit den ersten Zeilen klar: „Die Vampire schlafen, die Hexen übernehmen“, singt Miss Kittin. Es ist auch die erste Single aus „Bat Box“ und heißt „Kittin is high“. Ein Glück - am Hochgefühl hat sich nichts geändert. Aber es geht um ein neues, ein anderes Hochgefühl. Miss Kittin berauscht sich an der Sonne, die im Zenith steht. Sie verzaubert die Tagmenschen.

Der gute alte Synthesizer

Ihrem musikalischen Stil bleibt Miss Kittin treu, dem Crossover aus Elektropop und Techno, auf die Bühne und ins Studio gebracht mit der Do-it-yourself- Haltung des Punk. Es geht ihr dabei weniger um bestimmte musikalische Vorbilder als um gewisse Instrumente. Sie liebe nun einmal den Sound der „vintage synthesizers“, sagt Miss Kittin. Der Synthesizer, das innovative Instrument, das durch neue, kleinere Geräte in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern pop- und punkkompatibel wurde, hat für die Miss-Kittin-Generation („Ich bin ein Mädchen der Neunziger“) längst selbst den Status eines Klassikers erreicht – mit der Aura eines alten Weins oder der Erstausgabe eines guten Buchs.

Auf „Bat Box“ hat Miss Kittin noch mehr Analoges zu bieten. „Ich habe in meinem Leben nie zuvor eine Gitarre angefasst.“ Jetzt greift sie um so heftiger in die Saiten. „Ich war stolz“, sagt sie. Hat das Zukunft? „Ich habe jetzt eine Girl Band nur so zum Spaß“, erzählt Miss Kittin. „Wir spielen mittwochs. Wir jammen. Das ist Rock’n’Roll.“

Kein Missmut gegenüber Berlin

Vielleicht noch wichtiger als das Erweckungserlebnis Gitarrenrock ist ihr eine andere Entdeckung: „Ich habe mich selbst überrascht und ein neues Spielzeug gefunden: meine Stimme.“ Bislang war ihr Markenzeichen eher der Sprechgesang. Doch in den Jahren auf Bühnen hat sich ihre Stimme immer stärker ausgebildet. Das Stück „Pollution On The Mind“ startet noch nach alter Sitte mit Sprechgesang. Es erinnert zum Beispiel an „Rippin Kittin“, ihren Hit mit Golden Boy. Doch dann geht es in einen fast schon Tracey-Thorn-haften Sphärengesang über. Auch auf „Play Me A Tape“ klingt Miss Kittin geradezu himmlisch. Das Titelstück „Bat Box“ wiederum erlaubt stimmlich eher den Vergleich mit Madonna.

Die Neuorientierung war für sie ein „vollkommen natürlicher Prozess“, sagt Miss Kittin. Ohne Wut auf das, was bis hierhin geschah: ihr erstes Soloalbum „I Com“, die Zusammenarbeit mit The Hacker, Felix Da Housecat oder Golden Boy. Und ohne Missmut gegenüber Berlin zu empfinden. An den Abgesängen auf die Clubszene in ihrer langjährigen Wahlheimat, der Kritik wegen der angeblich fehlenden Innovationskraft der Clubszene will sie sich nicht beteiligen. „Mich hat ohnehin immer das zeitlose Berlin interessiert, nicht das Berlin, das sich dauernd verändert.“ Dem wohl uncoolsten Bezirk der Stadt hat sie einst sogar einen eigenen Track gewidmet: „Neukölln 2“, angelehnt an „Neuköln“ (sic), dem Instrumentalstück von David Bowies Berlin-Album „Heroes“. Auch Bowie blieb ja nicht für immer.

„Bat Box“ von Miss Kittin ist bei Nobody’s Bizzness erscheinen.

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