Musical : Danke, Doc!

"Das Apartment“ als Musical am Ku’damm: Showglamour muss hier unter Privattheaterbedingungen notgedrungen Wunschtraum bleiben.

Frederik Hanssen

Ein Abend, an dem West-Berlin-Wehmut aufkommt. Waren das nicht unterhaltsame Zeiten, als Helmut Baumann noch im Theater des Westens wirkte? Nichts gegen die Stage Entertainment, die das Traditionshaus inzwischen betreibt, doch deren weltweit genormte Shows wirken bei aller beeindruckenden Professionalität doch ein wenig seelenlos im Vergleich mit den liebevoll handgemachten Produktionen der Ära Baumann. Charaktere wollte der schauspielende, singende Regisseur auf der Bühne sehen, keine (Stereo-)Typen, und er selber war stets der Individuellste unter ihnen.

Wenn er jetzt mal wieder in Berlin arbeitet und im Theater am Kurfürstendamm Neil Simons Musicalversion des Billy-Wilder-Filmklassikers „Das Apartment“ inszeniert, gönnt er sich selber eine kleine Rolle – und sein Dr. Dreyfuss wird prompt zum Herzstück des Abends. Weil Helmut Baumann seelenvoll spielt, sich mit dem Menschenfreund und Mediziner auf ganz altmodische, berührende Weise identifiziert.

Zum zweiten Star dieser Produktion wird eine alte Mitstreiterin Baumanns aus TdW-Tagen, Sylvia Wintergrün. Auch sie hat nur zwei Minirollen, aber sie formt sowohl die zynische Sekretärin des Weiberhelden Sheldrake als auch Baxters Barbekanntschaft Marge mit wenigen, schrillstimmig servierten Sätzen zu Menschen aus Fleisch und Wut, die einem verdammt bekannt vorkommen. Neben Baumanns und Wintergrüns präzisen Personenporträts wirkt alles andere hier irgendwie immer zu groß oder zu klein.

1968 erlebte die von Burt Bacharach im Easy-Listening-Stil vertonte Filmadaption in New York ihre Uraufführung, brachte es auf 1281 Vorstellungen, wurde nach London übertragen und kam 1970 auch in Berlin heraus. Es ist ein Stück für große Häuser, mit Tanznummern und Massenszenen. Am Ku’damm schnurrt die Band auf vier Mann und die Chorus Line auf drei Girls zusammen, bei der Weihnachtsfeier mischt sich Baumann als sonnenbebrillte Seniorchefsekretärin unters Volk, damit die Bühne etwas voller wirkt.

Showglamour muss hier unter Privattheaterbedingungen notgedrungen Wunschtraum bleiben. So gut Anja Wegeners Bühnenbild einer eleganten Lobby mit Manhattan-Skyline auch gemacht ist, so geschmackssicher und geschmeidig Helmut Baumann zu inszenieren weiß, manche Szenen ziehen sich dann doch arg, auch weil die jungen Darsteller zu sehr an der Oberfläche bleiben. Als Titelheldin der Daily Soap „Tessa“ ist Eva-Maria Grein in guter Erinnerung, im Livetest aber fehlt es der attraktiven Frau deutlich an Bühnenpräsenz. Nik Breidenbach hingegen gibt einen rührenden Chuck Baxter, sanftstimmig und knuddelig, Axel Herrig zeigt sich vokal wie verbal souverän und reizt die fiese Seite des Frauenverstehers J. D. Sheldrake genüsslich aus, ohne dem Antihelden jedoch tiefere Kontur zu geben. Frederik Hanssen

Theater am Kurfürstendamm, bis 25. Mai, Di bis Sa 20 Uhr, So 18 Uhr

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