Musik : Das Chaos ist nicht aufgebraucht

Schmuddeltexte, Schrillmusik: Die Happy Mondays sind wieder da. 15 Jahre nach dem finalen Katastrophenalbum.

Jörg W,er
Mondays
Uns geht's gut. Die Happy Mondays. -Foto: Scarlet Page/Sanctuary

Der böse Onkel ist wieder da, und die Kinder nehmen verschreckt Reißaus. 15 Jahre nach dem finalen Katastrophenalbum hat Shaun Ryder die Happy Mondays erneut um sich geschart. Und die Erfinder des „Madchester“-Wahnsinns zeigen ihren Nacheiferern die dunkle Seite des Nightlife-Hedonismus. Die Happy Mondays verhalten sich zu all den lebenstauglichen New-Rave-Bands von Klaxons bis Kasabian wie eine Gruppe betrunkener Hell’s Angels auf einem Pfadfindertreffen. „Uncle Dysfunktional“ (Sequel/Sanctuary Records) ist gruselig: Shaun Ryder nölt in unmissverständlich obszön betitelten Songs wie „Cuntry Disco“ oder „Dr. Dick“ schwer verständlichen Schweinkram. Derweil breitet die Band mit übersteuerten Gitarrenriffs, grobmotorischem Getrommel und großmäulig pumpenden Bässen ein durch synthetische Störgeräusche und windschiefe Bläser aufgepepptes Stilszenario aus, das direkt an ihre Erfolgszeit um die vorletzte Jahrzehntwende erinnert. Und dazu ein Cover von ausgesuchter Geschmacklosigkeit – wie konnte es nur dazu kommen?

Mitte der Achtziger gründete Shaun Ryder mit seinem Bruder Paul, Drummer Gary „Gaz“ Whelan und zwei Freunden die Happy Mondays, deren Ruf als enthemmte Garagenrocker bald weit über ihre Heimatstadt Manchester hinausreichte. Nach zwei vielversprechenden, noch dem rohen Übungskellersound verhafteten Alben gelang ihnen mit der wegweisenden „Madchester“-EP und vor allem mit der 1990 erschienenen dritten Platte „Pills n’ Thrills and Bellyaches“ in England der Durchbruch. Die Mondays gaben der Stilsuche der Party-Szenen auf der Insel eine definitive Form, indem sie einfach alles zusammenschmissen: Fette HipHop-Beats, geklaute Oldies-Melodien, verzerrte Indierock-Gitarren, die Bleeps und Klonks von Acid House und die Bläser des Northern Soul verschmolzen mit Ryders vorwiegend um Sex und Rauschmittel kreisenden Texten zu einer unaufhaltsamen Klangwalze. Stücke wie „Step On“ und „Kinky Afro“ wurden zu Hymnen der Rave-Bewegung.

Live waren die Happy Mondays ein chaotischer Sauhaufen auf der Suche nach der ewigen Party, perfekt verkörpert durch das feste Bandmitglied Mark „Bez“ Berry, dessen Beitrag sich in manischem Herumgetanze erschöpfte. Shaun Ryders Drogenkonsum übertraf den seiner nicht gerade abstinenten Kollegen in besorgniserregender Weise, weshalb man 1992 das „Pills“-Nachfolgealbum auf Barbados aufnehmen wollte: Das sonnige Eiland sollte den zwischenzeitlich cleanen Junkie vom Heroin fernhalten. Leider gewöhnte sich Ryder das Crack-Rauchen an und dämmerte im Dauerdelirium durch endlose Sessions, während die Band eine Spur der Verwüstung hinterließ: gebrochene Extremitäten, Badeunfälle, geschrottete Mietwagen, demolierte Hotelsuiten.

Die Kosten der mehrmonatigen Ausschweifungen trieben ihre Plattenfirma Factory, bei der immerhin eine Band wie New Order unter Vertrag war, in den Ruin; das Ergebnis „...Yes Please!“ reichte weder künstlerisch noch kommerziell an den Vorgänger heran. Ryder erholte sich schnell von dem Desaster und gründete mit Black Grape eine neue Band, die mit großem Erfolg als diszipliniertere Variante der Happy Mondays funktionierte. Seit einigen Jahren macht er wieder mit den Kumpels von früher rum, wobei von der alten Besetzung nur noch Gaz Whelan und Bez übrig sind.

„Uncle Dysfunktional“ klingt wie eine Quersumme der Karriere der Happy Mondays. Songs wie das leiernde „Deviantz“ oder das apathisch torkelnde „Somebody Elses Weather“ erinnern an den ziellosen Nihilismus der Spätphase, während sich die Band mit der Single „Jellybean“ und dem grobschlächtigen Raverock von „Anti Warhole (On The Dancefloor)“ und „Dr. Dick“ im brackigen Fahrwasser ihrer Hymnen bewegt. Nur einmal, im nicht betitelten Hidden Track ganz am Ende, schwingen sich die Mancunians in einem kubistisch groovenden Electroclash-Mutanten mit Splittergitarre zu visionärer Größe auf.

Man kann die Halsstarrigkeit bewundern, mit der die Mondays fast alle musikalischen Errungenschaften der letzten 15 Jahre ausblenden. Man kann die Kühnheit der kollabierenden Songstrukturen loben, die Abstraktion der Klangmittel. Und man mag Shaun Ryder als den – neben Mark E. Smith von The Fall – letzten großen Stilisten mürrischer nordbritischer Gesangskunst preisen. Das relativiert indes nur bedingt die Einfallslosigkeit einer Platte, die der Gegenwart wenig zu bieten hat außer einer aufrechten Scheißegal-Haltung.

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