Musik : Der Goldkettchen-Beat

Das wäre auch geschafft: Endlich ist die Schwermut des Balkans im Soul angekommen. Miss Platnum sei Dank.

Sebastian Handke
Miss Platnum
Miss Platnum alias Ruth Maria Renner.Foto: Promo

Am Einlass gibt es Selbstgebranntes. Erst wird die Gästeliste abgehakt, der Stempel auf die Hand gedrückt, aber bevor es runtergeht in den Privatclub unter der Markthalle in Kreuzberg, bekommt jeder noch ein halbes Fingerhütchen von Vaters eigenem Schnaps gereicht. So kann der Magen schon mal vorglühen, bis man überrollt wird von Miss Platnum.

Die Musik dieser Frau ist wie sie selbst – prall, ausgelassen und angetrieben von scharf geschnitten Hiphop-Beats und dem wackeligen Drang balkanesken Turbo-Folks, der mit schwerer Zunge das leibliche Wohl und ein Genießen ohne Reue preist. „Butter“ heißt eines ihrer Lieder, „Give Me The Food“ ein anderes, darin das Bekenntnis: „I’m Romanian, it’s in my genes!“

Ja, Essen macht schön. Miss Platnum hat selbst nicht wenig auf den Rippen, eine gestandene Balkan-Walküre ist sie, stolz und gemütlich gleichermaßen, mit einem tief ins Gesicht reichenden, schwarzen Pony. Für ihr Album „Chefa“ machte sich die in Kreuzberg lebende Rumänin ein bewährtes Immigranten-Spiel zu eigen: Die Klischees ihrer Heimat werden von ihr aufgenommen, selbstironisch gefeiert und mit R ’n’B und Hiphop verschwistert; das Ergebnis ist eine verblüffende Verbindung zweier Welten, die doch sonst nur eines gemeinsam haben: das Tragen schwerer Goldkettchen.

Ruth Maria Renner, wie Miss Platnum bürgerlich heißt, verbrachte ihre Kindheit auf der Wetterstation Cuntu in den rumänischen Karpaten, wo es reichlich Bären und Wölfe gibt, Spitzel nur in Ausnahmefällen. Familie Renner versorgt sich selbst, Mehl und Öl bringen die Waldarbeiter einmal im Jahr. „Mein Bruder und ich mussten uns selbst beschäftigen“, erinnert sie sich. „Wir erfanden Spiele, bastelten Puppen, schauten den Eltern beim Schlachten der Lämmer zu. Kinderkrankheiten haben wir da oben natürlich keine bekommen.“

Auf sich allein gestellt, fängt man vielleicht zwangsläufig zu singen an. Schon der Großvater war Opernbariton. Die kleine Ruth trällert zum Radio ihrer Eltern. Politische Dinge verstand sie damals noch nicht. 1988, Ruth war sieben, gingen die Eltern fort. Die beiden Meteorologen fuhren an die Grenze zu Ungarn und warteten auf schlechtes Wetter. Sie zogen schwarze Kleidung an, schulterten die Habseligkeiten in einem Sack und nahmen den Weg durchs Maisfeld – unhörbar für die Grenzsoldaten in heftig prasselndem Regen. Über ungarische Flüchtlingslager kamen sie nach Berlin – ein halbes Jahr später durften Ruth und ihr Bruder in den Westen folgen: „Es gab Burger und Banane.“

Familie Renner zog in ein Seniorenheim. Ruth verschlug es in die Kastaniengrundschule Lichterfelde-Ost. Sie hatte einen schrägen Pony, den noch der Großvater mit seinen zittrigen Händen geschnitten hatte. Auf ihrer Nase: eine Hornbrille mit dicken Gläsern und gebrochenem Bügel, mit Klebeband geflickt. „Ich war eine Außenseiterin“, sagt sie, „weil ich anders aussah und ein eher sozialistisches Respektverhalten gegenüber Lehrern an den Tag legte. Sogar meine Hausaufgaben habe ich gemacht.“ So lernt man, dass es egal ist, was die anderen denken.

Ruth geht noch zur Schule, als die Soul-Lady Jocelyn B. Smith sie zu ihrer Schülerin macht. Neben der Vorbereitung aufs Abitur putzt sie in einem Kindergarten, um sich den Unterricht überhaupt leisten zu können. Bald ist sie sehr gefragt als Studio- und Backgroundsängerin; das erste eigene Album aber („Rock Me“), eine gelungene, aber sperrige Variation auf den New-Soul-Trend, fand keine Zuhörer. Ruth geriet in die Krise und beschloss: ab sofort keine Komplimente mehr, jedenfalls keine von der Art „Du klingst ja wie Jill Scott“, anzunehmen.

Verwechseln kann man sie jetzt nicht mehr. Ruth Maria Renner erfand die Kunstfigur Miss Platnum als „Balkan R’n’B Queen“. Den Klang ihrer Heimat musste sie allerdings erst wiederentdecken: Vor allem die Platten der rumänischen Gesangsdiva Maria Tanase hat sie sich einverleibt – auf Anraten der Mutter. Mit ihren Produzenten The Krauts (Seeed, Moabeat) reiste sie nach Rumänien, besuchte Musiker in ihren Häusern und ließ sie zu halbfertigen Demos improvisieren. „Nach langer Zeit hörte ich wieder diese Musik, und ich dachte, man müsste Rhythm’n’Blues doch zusammenbringen können mit Balkan-Musik – mit deren besonderer Art zu singen, die viel erzählender ist und viel dramatischer, aber eben nicht ohne Humor.“

Die Gesten werden größer, die Gefühle schwerer, der Lärm schriller. Die Seele des Soul verbindet sich mit der Schwermut des Balkan, raffinierte Programmierung mit wirbelndem Bläser- Folk, die Gerissenheit der Hiphop-Bitch mit dem Lebenswitz der Balkan-Queen: „You might think I’m frightening/ But I’m fresh ... exciting!“ Das grelle Diven-Image droht darüber hinwegzutäuschen, dass Platnums hybride Musik keinesfalls Trash sein will.

Die Glanzpunkte ihrer nuancenreichen, angenehm samtigen Stimme setzt Miss Platnum in den verhaltenen, R’n’B- lastigen Stücken des Albums, in „Sweet Garden“ oder „Voodoo“, mit ihrem scheppernden Shuffle und dem ganz und gar untemperierten Blues-Klavier. Diese Balladen schaffen ein angenehmes Gegengewicht zum krachigen Dorffest-Ambiente. „Sinking Boat“ schließlich, ein leiernder Trauermarsch über Rumänien und das Leben an sich, ist das Stück, mit dem die Band im Konzert sich langsam wiegend, Mann für Mann von der Bühne stiehlt. „This Boat is rotten, I’m afraid we are forgotten ... Raise your glas and drink my friend, this might be the last chance!“

Dann wird noch mal Schnaps gereicht und auf offener Bühne verköstigt. Essen macht schön. Tanzen und Trinken sind schöner. Noroc!

„Chefa“ von Miss Platnum ist bei Four Music erschienen. Konzerte am 14. Juli in der Strandbar Wannsee, 1. August in der Arena Treptow sowie vom 24. bis 26. August in der Wuhlheide

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