Musik : Und jetzt alle

Hauptsache Harmonie: Warum der Chorgesang auch in die Popmusik zurückkehrt.

Kai Müller
Kitsch Foto: Imago
Angel Art. Kitsch kennt keine Grenzen - höchstens verschiedene Stimmlagen. -Foto: Imago

Was ist nur an diesem Baum, der piekst und rieselt, dass er die Menschen zu Chorsängern macht? „O Tannenbaum!“, wird es heute wieder allüberall aus überwiegend ungeübter Kehle erschallen und mit den Tonfindungsbemühungen der Nebenmänner und -frauen verschmelzen.

Die Menschen, zumindest jene, die Weihnachten feiern, sich zu diesem Zweck einen Tannenbaum in die Stube gestellt und Geschenke herangeschleppt haben, werden zu Klangwesen. Sie stellen sich hin, singen zusammen ein Lied oder zwei, statt wie üblich allein durch den Alltag zu gehen. Der Chor, das ist praktiziertes Christentum. Die Engel haben es vorgemacht als „himmlisches Heer, das Gott lobte“. Aber wir sind keine Engel. Unter Barmherzigkeit verstehen unsere Trommelfelle etwas anderes.

Dabei wurden wir in kaum einem Jahr besser aufs gemeinsame Singen vorbereitet als 2009. Sogar in die Popmusik ist der Chor zurückgekehrt. In den besten Alben des Jahres findet er sich, als mehrstimmiger vokaler Fächer oder als Unisono-Strahl mehrerer Stimmen. Die Fleet Foxes mussten sich 2008 noch anhören, dass es jetzt aber genug sei mit dem Wimmern bärtiger Burschen, die wie Mädchen singen, dabei waren sie die Vorboten eines Trends. Mit Songs wie „White Winter Hymnal“ brachten sie das Bezaubernde, märchenhaft Entrückte und psychedelisch Versponnene in die Popkultur zurück, die sich gerade erst an das um Schellenkränze, Xylophone, Harfen und Streicher erweiterte Instrumentarium des Folkpop gewöhnt hatte.

In diesem Jahr sind es zwei amerikanische Bands, die hier Maßstäbe setzten: Animal Collective und Grizzly Bear. Erstere – vorübergehend zum Trio geschrumpft – hat mit „Merriweather Post Pavilion“ ein ähnlich richtungsweisendes Album aufgenommen wie einst Radiohead mit „OK Computer“. Die Multiinstrumentalisten zerlegen die herkömmliche Dramaturgie von Popsongs radikal, lösen auch die Hierarchie von Gesang und Instrumentarium auf und evozieren immer wieder Naturbilder, die nicht zur kühlen Computer-Ästhetik ihrer Beats passen wollen. Man meint den Regen fallen, letzte Tropfen von der Dachkante perlen zu hören. Auch Vögel tirilieren. Und ständig zwitschern die drei Singstimmen der Musiker durcheinander wie ein aufgescheuchter Schwalbenschwarm. „Lass dir nicht einreden, dass du ein Träumer bist“, lautet die Botschaft.

Gewiss, das ist alles schon mal da gewesen, Mitte der Sechziger, als die Beach Boys sich mit „Pet Sounds“ in klangverliebter Imagination von Naturgeräuschen ergingen. Und auch die Beatles stehen Pate für den Rückgriff auf Gospel- und Doo-wop-Chöre, die nun einmal mehr ihrer liturgischen Herkunft entfremdet werden. Überhaupt hat sich der funkelnde Halligallisound des goldenen Popzeitalters anno 1965 in etliche Platten der Gegenwart gerettet. Pop darf wieder Kirche sein.

Dumm nur, dass die Songs auf „Veckatimest“, der aktuellen dritten Platte von Grizzly Bear, viel zu kompliziert sind, um sie wie einen Choral in den eigenen vier Wänden vorzutragen. Grizzly Bear stammen aus Williamsburg, einem Stadtteil von Brooklyn, New York, in dem sich die alternative Musikszene niedergelassen hat, nachdem ein Leben in Manhattan unerschwinglich geworden war. Das Viertel brauchte nicht lange, um sich den Bedürfnissen seiner Klientel anzupassen. Es gib jetzt auch Clubs, Bars, Klamottenläden, Supermärkte und jede Menge Proberäume. Dass ausgerechnet in diesem Umfeld der Chor kultiviert wird, mag erstaunlich sein, erklärt sich jedoch mit der großen Homogenität der Szene. Man ist unter seinesgleichen. Genau das kommt im Chorgesang zum Ausdruck. Zumal in Songs wie „Southern Point“, „Fine For All“ und „While You Wait For The Others“ eine Art kollektives Gewissen darüber zu Gericht zu sitzen scheint, ob sich all die Mühen miteinander lohnen. „All your useless pretensions are weighing on my time“, lautet das harsche Resumee: Du lässt mich einfach nur ausbluten. Dass wir gemeinsam singen, macht uns nicht unbedingt zu besseren Menschen.

Aber wir tun es wenigstens, lautet die Botschaft einer Musikergeneration, die stärker denn je auf sich gestellt ist und in der harmonischen Mehrstimmigkeit verlorene Nestwärme wiederfindet. Die Plattenfirmen und alten Managementstrukturen haben in der Tonträgerkrise ihre Schutzfunktion eingebüßt. Man gestaltet seine Karriere selbst. Auf der Myspace-Seite von Grizzly Bear wird auf drei verschiedene Möglichkeiten verwiesen, das aktuelle Album zu kaufen: bei iTunes, bei Amazon und bei der Band selbst. Wie allein müssten sich Ed Droste, Daniel Rossen, Chris Taylor und Christopher Bear vorkommen, wenn sie sich nicht als Teil einer imaginären Community von Geistesverwandten sehen könnten. Diese verbindet kein gemeinsamer Lebensstil oder modisches Outfit, sondern allenfalls die Idee einer entgrenzten, reinen Musikalität.

Warum fühlen wir uns in der Krise vom Chorgesang angesprochen? Oft geht es ja nur darum, eine Melodie kräftiger und heller leuchten zu lassen, indem mehrere Leute sie singen. Aber schon der putzige Umgang mit Einwürfen, die oft nicht über Aahhh- und Uuhhh-Gesänge oder Summlaute hinausgehen und eher zur Verwirrung beitragen, verrät eine tiefer liegende Motivation.

Das Modell des Frontmanns hat ausgedient. Dass ein Leadsänger die Aufmerksamkeit auf sich zieht und seine Begleiter zu stummen Zeugen einer glanzvollen Selbstdarstellung macht, passt nicht mehr ins Bild. Das konnte man in diesem Jahr selbst auf der politischen Bühne beobachten. Gerade erst gelangte ein Foto vom Klimagipfel in Kopenhagen an die Öffentlichkeit, auf dem die europäischen Staatslenker in informeller Runde beisammensitzen. Merkel sagt etwas. Die anderen hören zu, auch der amerikanische Präsident. Obama ist nicht mehr Solist auf dem internationalen Parkett wie sein Amtsvorgänger. Er nimmt seinen Platz unter Gleichen ein. Und wie allen Chorknaben wird ihm der Vorwurf gemacht, ein Schwächling zu sein.

Dabei verhält es sich mit der Stärke genau umgekehrt. Zumindest, wenn man dem Mob-Chor glauben darf, wie er sich in „Vox Populi“, einem gerade veröffentlichten Song der US-Band Thirty Seconds to Mars findet. Die Emo-Rocker um Hollywoodschauspieler Jared Leto haben ihre Fans als monströsen Backgroundchor die wichtigsten Zeilen singen lassen. Der schmettert nun: „This is a call to arms, gather soldiers/ Time to go to war/ This is a battle song, brothers and sisters/ Time to go to war.“ Oh, himmlische Heerscharen.

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